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  :// Von Beta bis Omega / Nichts ist so penetrant wie die Zukunft von gestern /

Von all den Techniken, die das Leben des jungen 21century man bestimmen, ist das Internet in einer Beziehung eine Ausnahme: Weit weniger als andere wissenschaftliche Entwicklungen kennzeichnet ein Sprung seinen Fortschritt: irgendwie war es, Anfang der 90er Jahre, plötzlich da. Bis auf eine Handvoll Computerexperten hatte niemand wirklich darauf gewartet, über die Telefonleitung digitale Daten, geheime Informationen oder Plaudereien mit College-Absolventen aus Missouri austauschen zu können. Kaum jemand bereitete die Menschheit auf ihre telekommunikative Phase vor. Sicher: Es gab da mal einen Autor namens Velimir Chlebnikov, der schon in den zwanziger Jahren forderte: "Lasst Luftreisen und drahtlose Kommunikation die beiden Beine sein, auf denen die Menschheit steht"; die tatsächlichen Utopien aber kamen zu einer Zeit, in der sie die Zukunft nur noch an der Gegenwart ablasen: Die simple Technik des paradigmatischen Hacker-Films Wargames war 1983 schon lange da, und William Gibsons Wortschöpfung Cyberspace brachte die Möglichkeiten der Computertechnologie zwar auf den Begriff; begriffen hatten aber zumindest die Teenager in den Videospielsalons die Idee der so genannten virtuellen Realität 1984 schon lange. Der Klassiker der Science-Fiction früherer Jahrzehnte dagegen war das Bildtelefon; aber das will wahrscheinlich auch in hundert Jahren noch niemand haben.

In der Regel jedoch kann sich die Gegenwart nicht so erfolgreich gegen die Utopien früherer Generationen wehren: Besonders die Biotechnologie bemüht sich derzeit, die Vorgaben der Fiktion möglichst detailgetreu zu erfüllen: Ein nordafrikanischer Diktator verspricht dem wahnsinnigen Wissenschaftler, ihm das Klonen des ersten Menschen zu ermöglichen, während auf der anderen Seite die Politiker im "ethischen Treibsand" ihrer humanistischen Tradition stecken bleiben. Es würde nicht verwundern, wenn demnächst einer von jenen gutaussehenden Geheimagenten, die vermutlich sowieso schon im Auftrag des Ethikrats im rastlosen Einsatz zur Rettung der Welt vor dem Bio-Terroristen sind, zur öffentlichen Figur wird. Und wer James-Bond-Filme noch nie ausstehen konnte, der hätte eben damals, in der sinn- und stilbildenden Zeit der heutigen Akteure des Weltgeschehens, ein publikumswirksameres Szenario entwickeln müssen: "Jede Epoche träumt die ihr folgende", hat Michelet einmal geschrieben, was selbst als Alptraum gemeint war. Nichts ist lästiger als die Utopien von gestern.

Während also die Gegenwart der obsessive Beschäftigung mit einstigen Wunschbildern nicht entkommt, sind die Utopien heute auch nicht mehr das, was sie einmal waren: "Der technische Traum hat an Reiz verloren - so präsent ist er allenthalben, so feist wird er allenthalben angepriesen und von klein auf eingetrichtert", schreibt Ludger Schwarte in der ersten Ausgabe der Universalmaschine, einer Publikation die gleichzeitig als Print- und als Online-Magazin erscheint. Der technische Fortschritt sei banal geworden, so Schwarte weiter, und statt spektakulärer Ankündigungen einer glänzenden Zukunft entkommen die Variationen des Immergleichen der Falle der Erwartbarkeit nicht. "Kein technisches Gerät ist daher ... eine Festlegung auf die Gegenwart. Nur die Reprsentation der Technik - ihre Verpackung, die uns die Wichtigkeit der Technik verkauft, indem sie ihre Vorläufgkeit unterschlägt - legt uns auf die Gegenwart fest. ... Das Gerät selbst ist immer nur ein Testmodell." Die Allgegenwart utopischer Ideen und der zwanghafte Drang, sie zu verwirklichen, erfordern tatsächlich eine Neubeschreibung des utopischen Denkens. Die Unmöglichkeit der Utopie nämlich galt immer als Enttäuschung; wenn aber, weil der Mensch all seine Kraft aufbringt, um das Unverstellbare zu realisieren, die Utopien immer mehr zur Vorlage für die Wirklichkeit werden, muss man vielleicht anfangen, die Unerrreichbarkeit der Illusion als Täuschung zu verstehen: Der Nicht-Ort ist immer ein potentieller Noch-Nicht-Ort. Utopien sind zunehmend schon im Moment ihrer Formulierung veraltet: sie sind Teil der Vergangenheit und haben darum mit der Zukunft nichts zu tun. "Die technische Zukunftsvision ist museal;" meint Schwarte, "die Roboter, die Raumsattionen, die Mars-Städte, die Bio-Ingenieure und Überwachungsmonster sind ebenso vorgestrig, anziehend oder gefährlich, wie Flugzeuge oder Fernseher; niemand, der nicht ein ausgesprochenes Profiinteresse daran hat, kann sich hierfür noch sonderlich begeistern." Wenn er dann einmal kommen sollte, der Klon, wird er kein Monster mehr sein: wir wissen schon heute fast alles über ihn.

In Ermangelung wirklich neuer Ideen lässt sich die Zukunft nur noch als Potenzierung der Gegenwart vorstellen: "Soon, it will be the year 3000" erinnert uns ein Text von Pascal Riché in "Universalmaschine", und seine amüsanten Prophezeihungen führen die Banalität derzeitiger Zukunfstvorstellungen hervorragend vor Augen: Von "10-Klingen-Rasierern" und "telepathischem Einkaufen" mit implantierten Chips ist da die Rede, von einem neuen gentechnisch manipuliertem Gemüse namens "Ratatouille" und von Großfamilien mit fünfstöckigen Betten, und wenn die Zahl der Telefonfirmen weiter mit der Geschwindigkeit der vergangenen zehn Jahre steigt, wird jeder Franzose in 1000 Jahren Trillionen von Unternehmen besitzen, während es nur noch eine einzige Bank geben wird. In der Beschränkung auf die reine Übertreibung liegt die Absurdität dieser Schilderung, und trotzdem klingen solche Visionen nicht viel anders als manche Slogans der Think Tanks und Berufsoptimisten.

Einen ähnlichen Blick nach vorn wirft die Website "Futurefeedforward", die im nüchternen Ton zeitgenössischer Berichterstattung ihre "Future News" veröffentlicht. "Embryonale Stammzellen wählen Bush mit Rekordergebnis" lautete eine Schlagzeile der vergangenen Woche - bzw. vom 12. Dezember 2042. Nach dem Inkrafttreten des "Unborn Voting Rights Act", so heißt es in der Meldung, hätten Embryos und Stammzellen-Linien fast 27 Prozent des Wahlvolks ausgemacht; Experten äußerten sich erfreut über die hohe Wahlbeteiligung der Jungwähler und die zuverlässigen Lösungen von Microsoft, die das Scannen der Petrischalen und Reagenzgläser ermöglicht hatten. Andere Artikel berichten von neuen "Surplus Value Menus", bei denen McDonald's seine Kunden fürs Essen bezahlt und davon, dass Coca Cola ein Bewußtsein entwickelt; wie das passieren konnte blieb dabei das Firmengeheimnis. Auch an den Miniatur-Entwürfe der Zukunft von "Futurefeedforward" lässt sich ablesen, dass die Utopie zum Witz verkommen ist. Vielleicht lässt sich ja eine wirklich andere Welt nur im Rückgriff auf die Vergangenheit imaginieren: Die Disziplin der "Alternative History" erfreut sich im Internet größter Beliebtheit. Als literarisches Genre bildete die Spekulation über alternativen Verlauf der Geschichte immer ein interessantes Gegenstück zur Science Fiction -von Ralph Giordanos "Wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte - Die Pläne der Nazis nach dem Endsieg" bis zu Robert Harris' "Vaterland". Der Sieg der Nazis im Zweiten Weltkrieg gehört neben alternativen Schicksalen Kennedys, der amerikanischen Südstaaten, Napoleons oder Roms zu den populärsten Fragestellungen der "Was wäre wenn"-Spielchen. Vor allem dystopische Szenarien werden im Internet angeregt diskutiert (z.B. unter http://www.zeitenschmiede.de, http://www.uchronia.net oder http://www.alternatehistory.com), und der "Alternative History Travel Guide" hat angesichts der düsteren Divergenzen sogar eine Seite eingerichtet, auf der er vor den fünf unangenehmsten Parallelwelten warnt: New York, die Hauptstadt des japanischen Territoriums in Nordamerika gehört ebenso dazu wie Moskau, Deutsche Republik. Empfehlenswert ist dem Reiseführer zufolge dagegen ein Besuch der großen Hitler-Retrospektive im Wiener Museum für Moderne Kunst, auf der dessen grauenhafte Vorstellungen einer neuen Welt im Rahmen der Bilder bleiben. Für "Österreichs Antwort auf Salvador Dali" bleibt "Mein Kampf" nur ein Tryptichon.




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:// Mein Bit gehört mir / Freiheit des Copyrights „Wie immer bist du uns mindestens einen Schritt voraus.“ Mit allem zu Gebote stehenden Understatement beginnt der Nachruf, den Mitglieder des Chaos Computer Clubs auf ihren Vereinsgründer und Alterspräsidenten Wau Holland verfassten, der vergangenen Sonntag knapp 50- jährig starb. Holland war der Gründer der „Datenschleuder“, das „Wissenschaftliche Fachblatt für Datenreisende – Organ des Chaos Computer Clubs“. Den Pionieren um Holland ging es immer um zweierlei: Informationsfreiheit als Bürgerrecht und individuellen, digitalen Datenschutz. Wau Holland plädierte unermüdlich für einen ebenso kritischen wie kreativen Umgang mit Technik und stellte diese Maxime auch eindrucksvoll unter Beweis: Vom legendären HASPA-Hack, als er mit Freunden 1984 Sicherheitslücken im BTX- System aufdeckte, bis zur unbezahlten Tätigkeit in einem Jugendzentrum in Jena, wo er ostdeutsche Jugendliche mit den Weiten der Informationsgesellschaft vertraut machte. Die von Holland maßgeblich geprägte „Hackerethik“ warnte Generationen junger Hacker vor persönlicher Bereicherung, der daraus resultierenden Erpressbarkeit und forcierte einen Begriff von Offenheit und Transparenz, der heute allmählich weitere Kreise zieht. Weiter ...

:// Dagegen sein ist alles / Der elektronische Widerstand vor dem G8-Gipfel in Genua / Die Suchmaschine Google liefert zu dem Begriff "Genua" rund 49200 Ergebnisse. Es ist ein eigenartiges Bild, das die Liste der Resultate dabei abgibt: An kaum einem anderem Text kann man derzeit so klar ablesen, wie sich der Ortsname allmählich in einen Slogan verwandelt. Denn zwischen den bunten Seiten über Hafen, Hotels und Dogenpaläste, die wie alle touristischen Attraktionen fast schon traditionell den Kampf um die dominierenden Plätze bei einer Online-Recherche ausmachen, mischen sich plötzlich seltsam abseitige Begriffe wie "Hermes-Reform", "Tobin-Steuer" oder "Globalisierung", was die Stadt natürlich nicht ihrem Ruhm als Geburtsort des Kapitalismus zu verdanken hat, sondern der Tatsache, dass sie momentan dessen medialer Mittelpunkt ist. Es könnte sein, dass in wenigen Wochen, wenn die Suchmaschinen erst alle Seiten über den Gipfel erfasst haben werden, auch die Firma "Genua" von der Spitzenposition vertrieben sein wird. Ihre Sicherheitssoftware mit dem netten Namen GenuaGATE hilft derzeit vermutlich wenig gegen die Demonstrationen. Dass man auch Schillers "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" noch unter den vorderen Plätzen findet, ist wiederum nicht wirklich darauf zurückzuführen, dass die Zuspitzung der Lage vor dem Treffen der acht größten Industrienationen zu einer besonderen Assoziation der Begriffe "Verschwörung" und "Genua" Anlass gäbe - wobei man sich durchaus vorstellen kann, dass der Titel für die Umstürzler von heute seinen Reiz ausübt. Weiter ...

:// Der postmoderne Marktplatz / Wie die Prozesse der politischen Willensbildung über das Internet funktionieren / Es könnte eine Gunst der Stunde sein: Je stiller es um die New Economy wird, umso deutlicher sind zur Zeit Debatten zu vernehmen, die um das Wesen elektronischer Demokratie oder vielleicht besser gesagt: "Cyber-Democracy" kreisen. Das Motiv ist einleuchtend: Als postmoderner Marktplatz stellt Internet einen öffentlichen Raum dar, der Prozesse der politischen Willensbildung geradezu magisch anziehen müsste. Oder vielleicht sogar automatisch den mündigen Bürger generieren könnte, der sich aus allen erdenklichen Blickwinkeln zu verschiedenen Sachthemen informiert, an geeigneter Stelle eigene Überlegungen kundtut und schließlich politische Entscheidungen maßgeblich beeinflusst. Weiter ...

:// Die Jamaikanisierung des Internets / Warum man im Netz bald nur noch das findet, was andere suchen / Es muss etwas mit der Sehnsucht nach höheren Gewalten zu tun haben, dass einem die Informationsgesellschaft manchmal vorkommt wie eine Naturkatastrophe. Die Flut ist für den Anstieg der Datenmengen die beliebteste Metapher, wenn auch nicht die treffendste: Genauso gut könnte man von einem Wirbelsturm sprechen, der einem die Daten um die Ohren und Augen haut, oder von einem Platzregen, der einem keine Chance lässt, etwas von dem Wissen festzuhalten: Was heute noch übersichtlich vor einem liegt, hat man morgen schon vergessen. Langzeitgedächtnis, was war das?Weiter ...

:// Virtualienmarkt / Sind nach den Dotcoms nun die Dotorgs im Kommen?/ Das Besondere am Virtuellen besteht darin, dass es nicht wirklich das ist, wofür es durchaus tauglich sein mag und gehalten werden kann. Aus diesem kleinen, aber feinen Unterschied ergeben sich mindestens zwei Formen, kurzfristig Vergnügen zu beziehen: Zunächst der Spaß an dem, was wie echt wirkt, wobei immer zu hoffen bleibt, dass es ganz so arg, wie es vielleicht den Anschein hat, ja nicht kommen muss. Nach über fünf Jahren Internet wird dieser vordergründige und unmittelbare Reiz des Virtuellen jedoch zusehends überlagert von einer zweiten Generation weitaus komplexeren Amusements: Schadenfreude oder gar Häme darüber, dass aus dem, was einst für bare Münze genommen wurde, nun doch nichts zu werden scheint - zumindest nicht das, was landläufig erwartet wurde. Weiter ...

:// Basic Hermeneutik / Warum man die Interpretation von Computercodes nicht den Maschinen überlassen sollte/ Es ist ein bisschen ruhig geworden, um die Diskussion über die Literatur und die neuen Medien. Fast scheint es, man habe sich gütlich geeinigt: Die Verlage dürfen weiterhin ihre Bücher verkaufen, nachdem es inzwischen zur Allgemeinbildung gehört, dass man Computer so schlecht mit ins Bett nehmen kann; das Fernsehen liefert den Stoff für neue Geschichten, seit es keine mehr außerhalb der Medien gibt, und im Internet dürfen sich Tagebuchschreiber genauso ausleben wie multimedial begabte Autoren bei Cyberliteratur-Wettbewerben. Es weiß ja sowieso niemand mehr, wem überhaupt was gehört: Bertelsmann AOL, AOL RTL, oder RTL Bertelsmann? Weiter ...

:// Der scheußliche Geschmack des Realen / Warum auch virtuelles Frühstücksfleisch nicht frei von Gift ist / Was den Münchnern die Weißwurst, ist den Amerikanern das Frühstücksfleisch: Ein kulinarischer Mythos, der für Aussenstehende pedantisch wirkende Auseinandersetzungen nach sich zieht, wie zum Beispiel, ob die rosa Fleischmasse besser zu schneiden oder würfeln wäre. 1937, nur kurze Zeit nach der Erfindung des Dosenbiers, kam der Unternehmer Jay C. Hormel auf die Idee, auch Schinkenwurst in kleine Blechbehälter zu packen. Der Name für das neuartige Erzeugnis wurde per Preisaussschreiben ermittelt: 100 US Dollar war der Firma Hormel der Vorschlag eines Schauspielers wert, die jeweils ersten und letzten beiden Buchstaben von "Spiced Ham" zu "Spam" zusammenzuziehen. Original "SPAM Luncheon meat" besteht aus Schinken, Schweineschulter und einer streng geheim gehaltenen Gewürzmischung. Weiter ...

:// Politiker sind auch nur Medien / Jeder verkauft sich, so gut er kann. Warum es kein Entrinnen aus der Medienwelt gibt / Als damals die ersten Menschen ihren Container verliesen, da mussten sie bald feststellen, dass nicht die Freiheit, die sie angeblich vorher kannten, auf sie wartete, sondern immer neue Container: Eine Figur namens Sladdi zum Beispiel lebte fortan nur noch in Limousinen und Studios, und später dann in seiner eigenen Welt. Fast hätte man anfangs glauben können, dass die Produzenten von BigBrother versuchen, mit enormen Aufwand ein phänomenales Experiment durchzuführen, um zu untersuchen, wie Menschen ohne den Zugang zu Medien leben, und vor allem, über was sie sich unterhalten können. Doch die Bewohner des Containers wurden dann gar nicht von der Medienwelt abgeschlossen: Sie waren mittendrin. Sie lebten in den Medien. Deswegen war es auch kein Wunder, dass zwischen den Figuren John und Verona Feldbusch, Karim und Guido Westerwelle kein so grosser Unterschied mehr bestand: Man war ja schließlich unter sich. Guido, so sollte man sehen, ist auch nur ein Mensch, und die Bewohner sind auch nur Medienstars. Weiter ...

:// Wo einmal die kleine Pazifikinsel Tuvalu lag, da wohnt jetzt Hollywood / Die Freiheit im Netz: Wie Andy Müller-Maguhn dafür sorgen will, dass das gegenwärtige Namenssystem im Internet reformiert wird / Sobald heutzutage von Hackern die Rede ist, werden meist Mythen kolportiert: Es handele sich um weltfremde Idealisten, die zwar übermenschliche technische Fähigkeiten besäßen, aber tragisch endeten: Großmäuliger Verrat, kleinlautes Überlaufen zur Gegenseite oder mysteriöse Selbstmorde bestimmen das Bild dieser sonderbaren Spezies von Computer-Freaks in der Öffentlichkeit. "Hacken ist ein Geisteszustand", sagt Andy Müller-Maguhn. Er meint damit das Verlangen, neue Technologien wirklich zu verstehen, um sie kreativ und kritisch zu benutzen. Was er am meisten hasse, sei, wenn er Ex-Hacker genannt werde. So würden sich nur Leute bezeichnen, die selbst nie Hacker waren und heute für die Industrie arbeiteten. Der langjährige Pressesprecher des Chaos Computer Clubs hat gerade den vielleicht größten Hack seines Lebens geschafft: Seit dem 11. Oktober sitzt der 29-jährige Berliner im Direktorium von ICANN, einem privaten Konsortium, das in letzter Zeit oft "Weltregierung des Internet" genannt wird und für die Verwaltung der Namensvergabe im Netz zuständig ist. Das für viele Überraschende dabei ist: Müller-Maguhn hat sich nicht etwa unbefugt Zutritt verschafft zu diesem erlauchten Kreis - er wurde mit der überwältigenden Mehrheit der abgegebenen Stimmen von den wahlberechtigten Internetnutzern Europas auf diesen Posten gewählt. Weiter ...

:// Die Subversivität des Plauderns / Die Inhaltsleere der Medien am Beispiel des Chats / Kaum eine Diskussion über das Internet scheint derzeit ohne den Hinweis auszukommen, man müsse sich von dem einstigen Optimismus visionärer Netztheoretiker verabschieden. Ernüchternd sind dabei weniger die krampfhaften Regulierungsversuche, die Technologien kontrollieren wollen, welche schon längst veraltet sind, wenn der Gesetzgebungssapparat ein Ergebnis produziert hat. Vielmehr werden die utopischen Hoffnungen zum Opfer ihres Erfolgs: Revolutionäre Ideen überleben als Slogans von Firmen, die so tun, als hätten sie die neuen Kommunikationsformen erfunden, die Medien von ihren Monopolen befreit und die Interaktivität entdeckt, deren emanzipatorische Elemente sie freilich als gute Dienstleister gleich wieder zunichte machen, indem sie die anstrengende Suche in geordnete Bahnen lenken und ihren Kunden die lästige Freiheit durch eine ausgefeilte Benutzerführung abnehmen. Die Kolonialisierung des Internets wird dabei durch die Unendlichkeit des virtuellen Raumes nicht erschwert. Um einen Raum zu besetzen, reicht es, ihm einen Namen zu geben. Weiter ...

:// Ein Code für alle Fälle / Eine Entschlüsselungssoftware lehrt die Filmindustrie das Fürchten, sogar auf T-Shirts/ Es gibt ihn als T-Shirt und als Song. Es gibt ihn als Faksimile, als Gemälde, als Foto und als Animationsfilm. Er wurde vorgelesen, übersetzt, verschlüsselt und erklärt, versteckt und zerstückelt. Die Rede ist vom derzeit wohl umstrittensten Stück Software: DeCSS ist eine gerade einmal 60 Kilobyte schwere Anwendung, mit der man den Verschlüsselungscode von auf DVD gespeicherten Daten umgehen kann. Dabei handelt es sich mitnichten um High-Tech, schließlich soll es nicht besonders schwer gewesen sein, das „Content Scrambling System (CSS)“ zu knacken: Jon Johansen, ein 15-jähriger Computer-Freak aus Norwegen, und die „Masters of Reverse Engineering“ schafften es vor knapp einem Jahr als erste, den von der Filmindustrie hoch gepriesenen Kopierschutz für die Video-Datenträger zu unterlaufen. Weiter ...

:// Die Angst des Achterbahnfahrers vor dem Ende der Illusionen / Automaten des Amusements und gefährliche Fahrten an der Außenkante der sozialen Konstruktionen/ Vermutlich sind es immer die nutzlosesten Dinge, die am meisten über die Effektivität von Gesellschaften verraten. Über die Menschen zumindest kann man jede Menge lernen, wenn man sich ihre Spielzeuge anschaut. Kaum ein Ort ist in dieser Hinsicht interessanter als der Vergnügungspark; und wollte man ein pars pro toto des Rummels, vor allem in seiner amerikanischen Version, benennen, dann kann es sich dabei nur um eine Maschine des Spektakels handeln: die Achterbahn. Weiter ...

:// Sehnsucht nach dem großen Rauschen / Offizielle und illegale Radiosender im Internet revolutionieren die Medien – aber die alte Frage bleibt: Was ist der Mainstream? / Ein "Stream" ist eine Strömung oder ein langer, kontinuierlicher Fluss. Am bekanntesten ist der "Mainstream", der sich durch seinen großen Einfluss auf weite Teile der Gesellschaft auszeichnet. Wer sich der vorherrschenden Meinung widersetzen oder gegen den Strom schwimmen wollte, musste sich bis in die 80er Jahre einer Subkultur anschließen, die ihre eigenen Verschlüsselungsformen und Präferenzen pflegte. Dann kamen die Computer und setzten den Dualismus von Mainstream und Underground ausser Kraft. Vor dem Code waren zunächst einmal alle gleich: Egal ob groß oder klein, bekannt oder unbekannt, arm oder reich - Rechner und Netz stellen eigene Gesetzmäßigkeiten auf, bei denen die Statussymbole und das Besitzdenken aus der alten Ökonomie an Bedeutung verlieren. Weiter ...

:// Die Automaten des Ästhetischen / Die feinen Unterschiede: Die Steuerung von Geschmacksurteilen im Online-Shop / Dass die Gegenwart die Folge ihrer Vergangenheit ist, kann man gelegentlich erheblich bezweifeln: zum Beispiel, wenn man sich den Soundtrack zu den verschiedenen Epochen anhört. Dass sich nach dem „Wohltemperierten Klavier“ auch die Gitarrenklänge der Rolling Stones noch Musik nennen dürfen, zeugt von der Dehnbarkeit der Begriffe, auch wenn mancher Spezialist noch davon überzeugt ist, dass letztere gar keine Musik mehr sind. Wären die Menschen umstrukturiert worden wie ihre Kompositionen, wären sie wohl gar keine Menschen mehr. Aber vielleicht sind sie ja bald soweit. Weiter ...

:// Demokratie Wow / Neue Versionen von Öffentlichkeit im Internet / Im Prinzip klingt die Sache recht einfach: Wenn zwei Menschen anderer Meinung sind als ein Dritter, dann hat sich der Unterlegene dem Votum der Mehrheit zu beugen. So sehen es jedenfalls die demokratischen Spielregeln in den abgeschlossenen Milieus des Real Life vor. In der Architektur offener Netzwerke gibt es eine für viele immer noch überraschende Variante: Dissidenz braucht sich nicht dem Willen der Mehrheit zu beugen, sondern sucht sich einfach eine neue Umgebung, um die abweichende Sicht der Dinge unter anderen Voraussetzungen und zusammen mit Gleichgesinnten zu realisieren. Die Erfolgsstory der Informationsökonomie handelt zu einem großen Teil davon, wie mit der Eroberung endloser digitaler Weiten die zuvor das Analoge so prägende Logik des Mangels überwunden werden könne und von nun an keine Ressource mehr knapp sein möge. Weiter ...

:// Der Teufel ist digital / Die Bürger des Netzes: Über die Ethik des neuen Flash-Designs / Als es vor einigen Jahre in Mode kam, die Karosserie seines Wagens mit bunten Farbklecksen zu bekleben, wusste niemand so genau, wo der neue Trend plötzlich hergekommen war. Den Versuch, dem privaten Raum durch nachträglich hinzugefügte Design-Elemente eine Spur von Individualität einzuschreiben, kannte man bisher vor allem von den eigenen vier Wänden her und weniger von den eigenen vier Rädern. Ungefähr zur selben Zeit kam es auch in der ComputerBranche zur Popularisierung des Designs: Billige Rechner und leicht bedienbare Grafikprogramme ermöglichten scheinbar jedem Hobbyanwender, seine virtuelle Welt nach den eigenen Wünschen zu gestalten. Weiter ...

:// Benutzeroberflächlichkeiten / Warum nur zwei Modelle über die so genannte Datenautobahn browsen / Am Anfang war der Browser. Frühe Exemplare dieser Gattung trugen schöne Namen wie „Viola“, „Erwise“, „Midas“ oder später dann „Mosaic“. Sie waren zu Beginn der neunziger Jahre meist von Studenten geschrieben worden, die ihren Ehrgeiz darauf verwendeten, eine grafische und deswegen benutzerfreundliche Schnittstelle zwischen den Webservern und den Menschen vor den vernetzten Terminals zu entwickeln. So war es dann erstmals einer nennenswerte Zahl auch von nicht Eingeweihten möglich, Zugang zu den Mysterien des Internets zu erlangen. Der Browser machte aus Blinden Sehende. Denen tat sich ein Hypertext-Universum auf, das zunächst als eine Parallelwelt jenseits der Limitierungen von Zeit und Raum im „Real Life“ wahrgenommen werden konnte. Neuland zu betreten, einen Schritt dahin zu tun, wo niemand zuvor seinen Fuß hingesetzt hat, stellt sicherlich so etwas wie die Urszene der Netzkultur dar. Wo aber ist diese Faszination heute aufzuspüren, da der Connect mit dem Internet soviel Glamour wie ein Telefongespräches besitzt? Weiter ...

 




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