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  :// Benutzeroberflächlichkeiten / Warum nur zwei Modelle über die so genannte Datenautobahn browsen / Am Anfang war der Browser. Frühe Exemplare dieser Gattung trugen schöne Namen wie „Viola“, „Erwise“, „Midas“ oder später dann „Mosaic“. Sie waren zu Beginn der neunziger Jahre meist von Studenten geschrieben worden, die ihren Ehrgeiz darauf verwendeten, eine grafische und deswegen benutzerfreundliche Schnittstelle zwischen den Webservern und den Menschen vor den vernetzten Terminals zu entwickeln. So war es dann erstmals einer nennenswerte Zahl auch von nicht Eingeweihten möglich, Zugang zu den Mysterien des Internets zu erlangen. Der Browser machte aus Blinden Sehende. Denen tat sich ein Hypertext-Universum auf, das zunächst als eine Parallelwelt jenseits der Limitierungen von Zeit und Raum im „Real Life“ wahrgenommen werden konnte. Neuland zu betreten, einen Schritt dahin zu tun, wo niemand zuvor seinen Fuß hingesetzt hat, stellt sicherlich so etwas wie die Urszene der Netzkultur dar. Wo aber ist diese Faszination heute aufzuspüren, da der Connect mit dem Internet soviel Glamour wie ein Telefongespräches besitzt?

Browser sind die Fahrzeuge, für die immer noch so genannten Datenautobahnen. Da liegt die Frage natürlich nahe: Warum darf es eigentlich nur zwei verschiedene Modelle geben? Am 19. Mai wurde in Amsterdam der dritte „Internationale Browsertag“ gefeiert. Jährlich sind die Studierenden an Designakademien aufgerufen, ein eigenes Browserkonzept zu entwerfen, um es dann in nur drei Minuten einer Jury und dem johlendem Fachpublikum vorzustellen. Unter den knapp 200 eingereichten und 35 live präsentierten Browserideen wurden in diesem Jahr zwei recht minimalistische Konzepte ausgezeichnet, die sich dem grassierenden Konvergenzfieber mit einer hippen Portion Retro-Ästhetik widersetzen: Victor Vina mit seinem „Hyper.spc“, der mutwillig alle Bilder ignoriert und den transparenten Nurtext wunderschön übereinander schichtet, sowie Jan Bouwmeester für „Dawn of the Browser“, eine Art Datenhandtasche, die vom flanierenden User mit jeder Art von Information gefüllt werden kann. „The End of the Browser“ lautete der Slogan des Browsertages 2000, und so selbstironisch scheint diese Prognose gar nicht zu sein.

Arie Althena ist in der letzten Ausgabe des niederländischen Magazins Mediamatic weitergegangen und hat vom „Tod des Browsers“ geschrieben. Gemeint als Universalwerkzeug, das im Stande sein soll, jede mediale Darbietungsform zu verdauen, sind die herkömmlichen Browser zu Dinosauriern geworden.

Wo diese Entwicklung endet, zeigte die vierte Browser-Generation: Immer umfangreichere Software-Pakete, die immer mehr Arbeitsspeicher verschlingen und immer langsamer arbeiten, weil sie Diener zu vieler Herren sein sollen. Althena glaubt, dass die Zukunft stattdessen eine Vielzahl verschiedener parallel arbeitender Browserwerkzeuge hervorbringen wird, die genau auf die jeweiligen Bedingungen und die dauernd variierenden Bedürfnisse der Benutzer zugeschnitten sein werden.

Vom Ende des Browsers war schon einmal die Rede: Vor drei Jahren erfand Wired die Parole „Push!“ – das stand für die Versuche großer Firmen, im Internet komplette Programme anzubieten. Der User, der sich mit Hilfe seines Navigationswerkzeuges die Informationen selbst aus dem Netz zieht, sollte zum Couch Potato regredieren. Dass daraus – bislang zumindest – nichts geworden ist, spricht für die immer wieder unterschätzte Renitenz der Netzbenutzer. Im Online-Magazin Telepolis konstatierte Arthur P. Schmidt, dass allenfalls Firmen-Intranets für „Push“-Konzepte Interesse gezeigt hätten. Bei den Privatkunden jedoch fristen Net- oder Webcastingszenarien ein elendes Dasein am oberen Browserrand, während im wahrsten Sinne des Wortes interaktive Anwendungen wie der Musiktauschring „Napster“ geradezu atemberaubende Erfolge haben.

Auf den Rausch folgt bekanntlich der Kater; Illusion und Desillusion rücken umso enger zusammen, als immer deutlicher wird, wie dünn die Fäden des Netzes eigentlich sind. Weil es sich beim Internet weder um einen autonomen Organismus noch um einen Extra-Raum frei von Gesetzmäßigkeiten handelt, hängt die weitere Entwicklung wesentlich ab von den sozialen und kulturellen Sphären, in denen sie kommuniziert oder nicht kommuniziert wird. Katzenjammer über die „Kommerzialisierung“ greift da ebenso kurz wie der naive Traum vom „Boom ohne Ende“. Besser wäre die Rede von einer Resozialisierung des Cyberspace. Verschoben haben sich vor diesem Hintergrund die Interventionsmöglichkeiten. Die brüchig gewordene Oberfläche ist nicht mehr nur Objekt von abstrakter Theorie und designerischer Kosmetik, sondern wird über den engen Kreis der Codeverwalter hinaus Gegenstand praktischer Arbeiten. Eine wachsende Zahl von Netzkünstlern begnügt sich nicht mehr damit, den immer enger werdenden, programmierten Rahmen des Browserfensters bloß brav zu füllen, sondern fühlt sich getrieben, in Terrains hinter den normierten Schnittstellen vorzustoßen.

Tilman Baumgärtel hat in einem längeren Essay, der gerade auf der neuen deutschsprachigen Mailinglist „rohrpost“ kursiert, eine Bestandsaufnahme von „Software-Kunst“ unternommen. Projekte, die aus „Sets of instructions“, also Befehlsketten bestehen und im Stile der Konzeptkunst so selbstgenügsam sind, Prozesse im Rechner anzustoßen: „Keine Kunst, die mit dem Computer geschaffen wurde, sondern Kunst, die im Computer stattfindet; keine Software, die von Künstlern programmiert wurde, um autonome Kunstwerke hervorzubringen, sondern Software, die selbst das Kunstwerk ist.“ Neben einer Vielzahl von kritischen bis kryptischen Bildschirmschonern, dekonstruierten Computerspielen und autoaggressiven Interfaces, spielen Browser in letzter Zeit eine immer größere Rolle: „Netomat“ ist so ein Anti- oder besser Meta-Browser, der sowohl die gängige Orientierung mit Hilfe der eindeutigen Netzadresse als auch die herkömmliche Fortbewegungsform per Mausklick verwirft. Die Eingabe eines frei wählbaren Stichwortes genügt, damit „Netomat“ das Web wie ein DJ remixt und dem User nach dem Zufallsprinzip geordnete Textfetzen, Bilder oder Töne auf den Bildschirm auswirft.

Das schönste Beispiel für einen Kunst-Browser ist der „Web Stalker“. Schon 1997 von der Londoner Künstlergruppe I/O/D entwickelt und seitdem frei vertrieben, wurde der voll funktionstüchtige Alternativ-Browser Mitte Mai mit einem der hochdotierten Internet-Oscars, dem „Webby Award 2000“ in der Kategorie Netzkunst, ausgezeichnet.

Der „Web Stalker“ selber ist ebenso radikale wie dezidierte Software-Kritik. Er legt frei, was seine Kollegen mit den so brachialen Namen „Navigator“ und „Explorer“ systematisch ausblenden: den Strom der Rohdaten, der ja in der Tat beliebig interpretierbar ist.

Ach ja, der Browserkrieg. Nur ein paar Tage nach der Verkündung des Richterspruchs im Kartellverfahren gegen Microsoft hatte Netscape/AOL auf der Frühjahrs-Internet-Messe in Los Angeles die Demo-Version des Netscape 6 vorgestellt. Die eigentlich fällige Versionsnummer 5 wurde glatt übersprungen, zu groß dürfte hier der Vorsprung des Internet Explorers von Microsoft sein. Was Anfang 1998 mit der sensationellen Ankündigung begann, Netscape werde den Quellcode für seinen Browser veröffentlichen, scheint in ein regelrechtes Desaster auszuarten. Viele von denen, die wichtige Teile des Netscape-Browsers geschrieben haben, verließen enttäuscht die Firma, und die umworbenen Programmierer aus der „Open-Source“-Community verspüren offenbar keine allzu große Lust, in der freien Zeit kostenlos für AOL zu arbeiten. Der Konzern hatte Netscape im November 1998 übernommen, und spätestens nach dem Megadeal mit Time Warner stellt der Konzern plötzlich nicht einmal mehr das kleinere Übel dar. In den Diskussionsforen wird seit Wochen fast einhellig über die Demoversion von Netscape 6 hergezogen: zu hässlich, zu langsam und zu schwerfällig. Ob die Kritik berechtigt ist oder bloß das überfällige Upgrade des David-gegen-Goliath-Motivs, ob die Tage des Browsers, so wie wir ihn kennen, gezählt sind und damit auch die öde Metapher von der „Seite“ der Vergangenheit angehört, das alles hat auch damit zu tun, wie sich die Inhalte des Netzes weiterentwickeln.



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