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  :// Der Teufel ist digital / Die Bürger des Netzes: Über die Ethik des neuen Flash-Designs / Als es vor einigen Jahre in Mode kam, die Karosserie seines Wagens mit bunten Farbklecksen zu bekleben, wusste niemand so genau, wo der neue Trend plötzlich hergekommen war. Den Versuch, dem privaten Raum durch nachträglich hinzugefügte Design-Elemente eine Spur von Individualität einzuschreiben, kannte man bisher vor allem von den eigenen vier Wänden her und weniger von den eigenen vier Rädern. Ungefähr zur selben Zeit kam es auch in der ComputerBranche zur Popularisierung des Designs: Billige Rechner und leicht bedienbare Grafikprogramme ermöglichten scheinbar jedem Hobbyanwender, seine virtuelle Welt nach den eigenen Wünschen zu gestalten.

Als die Kleckse auf den Autos allmählich wieder verschwanden, musste man sich noch einmal wundern: über die neue Sachlichkeit, die die Autofahrer auf ihren Mobilen nun wieder demonstrierten. Erst aus größerer Entfernung erkannte man, dass die Aufkleber gar nicht verschwunden waren: Sie waren selbst zur Karosserie geworden. Die Hüllen nahmen die hybriden Formen von Klecksen oder Tropfen an. Und als durch den iMAC endlich auch die kantigen Computer mit dem Grau ihr Grauen verloren, musste keiner mehr Angst haben, vor der Tyrannei der Computer: Was kann einem eine Maschine schon antun, die aussieht wie ein Spielzeug?

Dass die Infantilisierung des Designs mit der technischen Entwicklung einhergeht, ist ein Phänomen, dass sich auch im Internet beobachten lässt. Spätestens seit der Einführung des WorldWideWeb suchen Grafiker nach Mitteln, das Publikum mit Inhalten in gewohnten Formen anzusprechen. Die Entwicklersoftware Flash scheint den Produzenten von Websites nun endlich ihre Wünsche erfüllen zu können: Mit Flash lassen sich Texte und Illustrationen in Bewegung bringen, Animationen und kleine Filme mit halbwegs erträglichen Ladezeiten anfertigen sowie Bilder und Töne zu digitalen Clips verschmelzen. Der Musiksender MTV hat das neue Format kurzerhand in „I-clip“ umbenannt und gibt es als eigene Idee aus, der er zum Durchbruch verhelfen will, wie in den achtziger Jahren dem Videoclip. Musiker wie Beck oder die Band Duran Duran produzieren bereits ihre ersten Videos in Flash. Für die Mehrheit der Designer ist Flash das, was man im Computer-Jargon gerne eine „killer application“ nennt: das wichtigste Programm überhaupt.

Keine Frage: Auch Flash ist eine Technik, aus der ein neues Medium entstehen könnte. Die interessantesten Websites, die auf das neue Format setzen, entwickeln ihren Reiz nämlich erst aus der Interaktion mit dem Benutzer: eine Eigenschaft, die digitale Videos von herkömmlichen Clips unterscheidet. Ob der Designer das Netz-Publikum allerdings zum Regisseur seiner Seite werden lässt, bleibt ihm selbst überlassen. In den meisten Fällen laufen Flash-Seiten als Film ab, bei dem jeder Klick ins Leere läuft. Denn für viele Designer ist die Frage völlig uninteressant, was neu ist an ihrem neuen Lieblingsspielzeug. Hauptsache, es bewegt sich was.

Die Diskussionen über Flash in den entsprechenden Foren beschränken sich daher auch größtenteils auf die technischen Funktionen des Programms. In einer seltenen Ausnahme hat sich der Designer Chris MacGregor nun kritisch mit dem Thema beschäftigt: In einem Editorial auf seiner Homepage bezeichnet er den inflationären Einsatz von Flash als „Krebsgeschwür des Netzes“. In dem Appell an seine Kollegen fordert MacGregor eine Art Ethik des Flash-Designs: Wer den Besuchern der Seite die Kontrolle über die Navigation raubt, sollte sich mindestens dazu verpflichtet fühlen, die Ladezeiten gering zu halten. In der Tat kümmern sich Design-Firmen wie beispielsweise das New Yorker Unternehmen Kioken kaum darum, wie lange es dauert, bis die Animationen geladen sind. Die moralische Pflicht, die Besucher nicht derart zu „misshandeln“, wie MacGregor in einer weiteren Kolumne schreibt, ergibt sich für ihn dabei aus dem Respekt, der ihm als Kunde gebührt: „Einer der Schlüssel, Vertrauen in eine Website aufzubauen, ist es, dem Benutzer soviel Kontrolle über das System zu erlauben wie möglich.“

Im Streit um den Sinn und Unsinn von Flash treffen klassische Argumente aufeinander. MacGregors Vision des Internet ist dabei die Konstruktion einer perfekten Informations- und Kommunikationsmaschine, die den Austausch der Menschen untereinander, vor allem aber ihrer Waren, automatisiert. Für Spielereien wie lange Intros oder experimentelle Benutzeroberflächen ist in dieser Vision kein Platz. In Kioken hat MacGregor dabei den diabolo digitalis erkannt: „Leute in Firmen wie Kioken, die dafür bekannt sind, dass sie ihre Kunden feuern, wenn sie nicht ihrem Egotrip folgen, sind keine guten Bürger des Netzes. Die Seiten, die sie designen, sind die Pseudokünstler, die Schwindel-Shows, die Kinderarbeit-Läden und die faschistischen Diktatoren des Netzes in einem.“

Die derart beschimpften Designer übernehmen dankbar die Rolle derjenigen, die das Internet nicht nur als Einkaufszentrum sehen. Der Vorwurf der Nutzlosigkeit ihrer Filmchen adelt diese geradewegs zur Kunst, auch wenn sich in den Clips nur ein paar Logos drehen. Mit seiner Argumentation zielt der Flash-Kritiker dabei leider an den relevanteren Unterschieden zwischen Flash und dem üblichen Seitenformat HTML vorbei. Denn die Grenze zwischen schicken Flash-Seiten und nüchternem HTML-Layout verläuft nicht zwischen Kunst und Kommerz, sondern allenfalls zwischen Kaufhaus und Designershop.

Tatsächlich ändert Flash die Grundstruktur des Netzes völlig. Es ist kein Zufall, dass vor kurzem beim „Flash Film Festival“ gleich zwei von zehn Preisen für die kommerziellen Einsatzmöglichkeiten des Programms vergeben wurden. Vor allem die Tendenz zur Abgeschlossenheit von Webseiten wird durch den Einsatz der mehr oder weniger fesselnden Filmchen perfektioniert. Die Kunden sind drin, Links sind out.

Die Flash-Designer auf der anderen Seite übersehen, dass auch das schlichte Design von massentauglichen Seiten wie Yahoo! oder amazon.com bis auf den letzten Pixel durchgestylt ist. Geert Lovink charakterisiert in einem Beitrag für die Mailinglist „nettime“ die zunehmende Bedeutung von Funktionalität und Benutzerfreundlichkeit in der Entwicklung des Webdesigns. „Interaktives Design scheint den Kampf gegen die Benutzeroberflächlichkeit verloren zu haben“, so Lovink. „Die Schreibtisch-Metapher des vergangenen Jahrzehnts wurde durch eine Anpassung des Layouts der Zeitungs-Titelseite als vorherrschende Informationsarchitektur ersetzt. In dieser regressiven Bewegung, zurück zu den alten gedruckten Massenmedien, werden Referenzen an den Raum oder die Navigation nicht mehr gebraucht. Telefonbücher, Wörterbücher oder Geldscheine hatten immer dezente Typographie und Design. Warum also nicht die meist besuchten Webseiten der Welt?“

Seit das Netz als Handelsplatz entdeckt wurde, ist nicht mehr viel Raum für grafischen Schnickschnack. Auf E-Commerce-Seiten sind die comicartigen Flash-Animationen so fehl am Platz wie bunte Aufkleber auf Firmenwagen.



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