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:// Demokratie Wow / Neue Versionen von Öffentlichkeit im Internet /
Im Prinzip klingt die Sache recht einfach: Wenn zwei Menschen anderer Meinung sind als ein Dritter, dann hat sich der Unterlegene dem Votum der Mehrheit zu beugen. So sehen es jedenfalls die demokratischen Spielregeln in den abgeschlossenen Milieus des Real Life vor. In der Architektur offener Netzwerke gibt es eine für viele immer noch überraschende Variante: Dissidenz braucht sich nicht dem Willen der Mehrheit zu beugen, sondern sucht sich einfach eine neue Umgebung, um die abweichende Sicht der Dinge unter anderen Voraussetzungen und zusammen mit Gleichgesinnten zu realisieren. Die Erfolgsstory der Informationsökonomie handelt zu einem großen Teil davon, wie mit der Eroberung endloser digitaler Weiten die zuvor das Analoge so prägende Logik des Mangels überwunden werden könne und von nun an keine Ressource mehr knapp sein möge.
Wer sich an diesem Grundgedanken versündigt, muß sich nicht wundern, wenn er die Wut der gesamten Community auf sich zieht. Dem Münchner Rechtsanwalt von Gravenreuth gelingt dies seit einiger Zeit auf vortreffliche Weise. Der Freiherr hat sich darauf spezialisiert, die meist ahnungslosen Betreiber von Webseiten abzumahnen, die zur Hompage einer amerikanischen Firma linken, auf der das populäres Programm "FTPExplorer" zum Download angeboten wird. Im Namen der Ratinger Firma Symicron verweist von Gravenreuth auf die Markenrechte für den Begriff "Explorer", die sein Mandant seit 1995 inne halte. Der Unterlassungserklärung ist jeweils eine Kostennote über knapp 2000 DM beigelegt. Nachdem vergangene Woche auch die aktuelle Ausgabe der Computerzeitschrift "c't" Ziel von Gravenreuths juristischer Attacken geworden ist, will der Verlag Heinz Heise nun gerichtlich prüfen lassen, inwieweit es rechtlich überhaupt möglich ist, ein solches Allerweltswort alleine besitzen zu wollen, um bei jeder weiteren Verwendung abzukassieren. "Linkfreiheit" forderten Ende Juni eine Handvoll Internet-Aktivisten um den Stuttgarter Studenten Alvar Freude. Mit einer "Online-Demonstration" auf dem Server des Bundesjustizministeriums zum Ende der "Active Link"-Konferenz in der Merz-Akademie traten sie für eine klare gesetzliche Regelung der Frage der Link-Haftung auf den Plan: Hyperlinks seien das "Herz des WWW" und dürften nicht mit einer Aufforderung zu Straftaten oder Verletzungen des Markenschutzes verwechselt werden. Neben der lange umkämpften digitalen Redefreiheit ging es bei der virtuellen Protestaktion noch um die Portierung eines anderen Grundrechts: der Demonstrationsfreiheit. Freude hat eine virtuelle Demonstrationsplattform entwickelt, die auch als dritte oder vierte Generation der berüchtigten "Denial of Service"-Angriffe begriffen werden kann. Doch im Unterschied zu den anonymen "Hackerattacken" von Anfang des Jahres operiert "Online-demonstration.org" mit größtmöglicher Transparenz: Die politischen Ziele der zeitlich begrenzten Aktion werden im Vorfeld klar umrissen, die Teilnehmer der Demonstration geben sogar auf Wunsch ihren Namen ab. Anstatt immateriellen Schaden anzurichten, geht es den Pionieren eines digitalen Demonstrationsrechts in erster Linie darum, Aufmerksamkeit für ihr Anliegen zu erlangen. Und das geht so: Die Demonstrationsteilnehmer laden sich den "Demonstrator", ein kleines Programm auf die heimische Festplatte, mithilfe dessen - je nach Teilnehmerzahl - die Antwortzeiten des Webservers, auf dem gerade demonstriert wird, verlangsamt werden. Die Verbindungen werden nicht durch unsinnigen, künstlichen Traffick belastet, denn im Unterschied zu den DoS-Attacken vom Ferbruar, die mit mehreren Millionen Anfragen pro Sekunde auf nichts anderes als Sabotage aus waren, beschränken sich die neuen Online-Demonstranten auf eine Anfrage pro Minute, was allenfalls zu einer temporäre Beeinträchtigung des Datenverkehrs entlang einer vorher angekündigten Route führen könnte. Weil es aber noch kein Ordnungsamt gibt, bei dem die Durchführung einer Online-Demonstration angezeigt werden könnte, wandten sich die Organisatoren im Vorfeld direkt an das Justizministerium, das am 29. Juni gegen zehn Uhr abends dann 45 Minuten lang mit Protest-Requests von rund 150 Demonstranten konfrontiert war. Um die wahllose Verwendung des Demo-Tools zu verhindern, hat Freude in die Software eine Abfrage-Routine eingebaut, die sicherstellt, dass zum jeweiligen Zeitpunkt auch wirklich eine öffentlich angekündigte und zuvor von einer noch zu bildenden Jury gutgeheissene Demonstration geplant ist. Wem diese Form der Artikulation immer noch zu weit geht, kann sich an der Evaluierung einer etwas harmloseren Variante der politischen Willensbildung im Netz beteiligen: Bis Ende Juli können sich Internet-User, die über 16 Jahre alt und im Besitz einer gültigen e-mail-Adresse sind, noch in die Wählerlisten zur Abstimmung über die erste Internet-Regierung eintragen. Im kommenden September dann wird über die Zusammensetzung der Hälfte der 18 Direktoren des ICANN-Boards abgestimmt. Die "Internet Corporation for Assigned Names and Numbers" wird ab kommenden Herbst über die Namens- und Adressvergabe im Internet allein bestimmen und stellt spätestens dann die zweifellos mächtigste Instanz im Netz dar. Denn wer die Kontrolle über das "Domain Name System" besitzt, entscheidet nicht nur über die neuen "Top Level Domains", die die heillos überlaufenen ".com", ".org" und ".net" Adressen bald ergänzen werden. Letztendlich kann ICANN per Entzug des DNS-Eintrages nämlich auch über die Inhalte des Netzes bestimmen. Kritiker mokieren sich nicht nur über das pseudo-demokratische Wahlverfahren, das sie für eine rechte Farce halten, sondern zweifeln die Legitimität einer obersten Kontrollbehörde grundsätzlich an. Resultat sind Konzepte für Parallelnetze zum herkömmlichen Internet, die die ursprüngliche Dezentralität zurückerorbern sollen: "Freenet" oder das jüngste Projekt "Publius" portionieren, kodieren und verteilen ihre Inhalte nach dem Zufallsprinzip auf vielen verschiedenen Rechnern, die nicht zwingend reguläre Webserver sein müssen und auch keinen offziellen Name-Server-Eintrag benötigen. So wird ein hohes Maß an Anonymität garantiert und vor allem gewährleistet, daß Inhalte, nachdem sie einmal veröffentlicht worden sind, nicht zensiert oder nachträglich wieder unzugänglich gemacht werden können. Ob von solchen Experimenten ausgerechnet Terroristen und die Anbieter von Kinderpornografie profitieren, darf getrost bezweifelt werden. Schließlich scheuen solche Kreise die Öffentlichkeit, wie sie von "Freenet" und "Publius" auf die bislang radikalste Art und Weise konzeptualisiert wird, wie der Teufel das Weihwasser. Es handelt sich vielmehr um strategische Weichenstellungen, die unmittelbar in die aktuellen Auseinandersetzungen um geistiges Eigentum oder Copyright intervenieren und dabei den Verteidigungslinien der Open-Source-Community gegenüber den immer heftiger werdenden Attacken der Industrielobby Rückendeckung geben sollen. Cultural Intelligence" nennen Konrad Becker, Marie Ringler und Francisco de Sousa Webber ihr neuestes Unterfangen. Das Führungstrio des Wiener Netzkulturzentrums "Public Netbase" meint damit eine Art Aufklärungsdienst, der möglichst präzise Informationen über die Grundlagen und Entwicklung des Netzes sammelt, überprüft und weiterverbreitet. In einer ersten Etappe wird dies im Rahmen des Projektes "World-Information.org" realisiert, das Ende Juni mit Unterstützung der UNESCO als Medienleitprojekt der europäischen Kulturstadt Brüssel gestartet wurde und später nach Wien und München weiterreist. Einige der wichtigsten Netzkünstler und Theoretiker sind zu einer langen Reihe von Kongressen und Präsentationen eingeladen, um die Chancen auszuloten, den militärischen und industriellen Nachrichtendiensten, die bereits seit geraumer Zeit und sehr dankbar den Datenverkehr im Netz auswerten, eine kulturelle "Intelligence" entgegenzusetzen. Der slowenische Künstler Marko Peljhan zum Beispiel plant den Einsatz von Aufklärungssatelliten, die über Krisenregionen kreisen und die erhobenen Daten unabhängig von regierungsamtlicher Propaganda verbreiten könnten. Um zu begreifen, dass solche Szenarien gar nicht so unrealistisch sind, wie sie auf den ersten Blick wirken, reicht es, sich an frühere Arbeiten aus Peljhan's Makrolab zu erinnern, der schon auf der documenta X mit einer Art privatem "Echolon" wochenlang die Satelitenkommunikation rund um Kassel mitschnitt und veröffentlichte. Entscheidend ist es aber, die Kultur des Netzes als eine Serie von andauernden Auseinandersetzungen und Machtproben zu begreifen. Dass der demokratische Charakter des Internet nicht gottgegeben oder irgendeine unverrückbare technische Voraussetzung ist, darf genausowenig angenommen werden wie die Illusion, das kreative Potential oder die Dynamik der Netze sei in irgendwelchen Gremien, Institutionen oder Monopolen richtig aufgehoben. Einzig die Tatsache, dass es immer mehr und höchst versierte Menschen gibt, die sich solchen regressiven Szenarien auf intelligente Weise widersetzen und dabei noch, wenn auch oft nur vorübergehend, erfolgreich sind, mag den vielbeschworenen "anarchischen" Charakter des Internet ausmachen. Und das ist gut so. |