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:// Die Automaten des Ästhetischen / Die feinen Unterschiede: Die Steuerung von Geschmacksurteilen im Online-Shop /
Dass die Gegenwart die Folge ihrer Vergangenheit ist, kann man gelegentlich erheblich bezweifeln: zum Beispiel, wenn man sich den Soundtrack zu den verschiedenen Epochen anhört. Dass sich nach dem Wohltemperierten Klavier auch die Gitarrenklänge der Rolling Stones noch Musik nennen dürfen, zeugt von der Dehnbarkeit der Begriffe, auch wenn mancher Spezialist noch davon überzeugt ist, dass letztere gar keine Musik mehr sind. Wären die Menschen umstrukturiert worden wie ihre Kompositionen, wären sie wohl gar keine Menschen mehr. Aber vielleicht sind sie ja bald soweit. Die Orgelwerke Johann Sebastian Bachs und das neueste Album der Rockband Guano Apes trennen zumindest nicht nur Zeiten, sondern auch Welten. Wenn sie im Internet trotzdem nur einen Link voneinander entfernt sind, hat das gar nicht so sehr mit einem postmodernen anything goes zu tun oder der Schonungslosigkeit der Crossover-Welle, sondern mit einer speziellen Technologie und deren Lücken. Wer nämlich bei Online-Shops wie amazon.com den Katalog durchblättert, findet bei den meisten CDs seit einiger Zeit den Hinweis: Kunden, die diese CD gekauft haben, haben auch die folgenden CDs gekauft. Es gibt also Menschen, die nicht nur beides besitzen, Bach und die Guano Apes, sondern womöglich beide Werke auch im selben CD-Wechsler liegen haben. Und davon offenbar so viele, um daraus eine Kaufempfehlung abzuleiten zu können. Hinter dieser überraschenden Information steckt eine Technologie, die sich collaborative filtering oder auch social filtering nennt. Sie besteht aus einer so genannten Agentensoftware, die aus beobachteten Präferenzen typische Muster ermittelt, um Vorhersagen über unbeobachtete Präferenzen zu machen zum Beispiel in der Form von Kaufvorschlägen. Verschiedene Online-Shops wie CDnow, Barnes and Noble setzen die Technik inzwischen ein. Neben dem enormen kommerziellen Nutzen, der daraus resultiert, dass sich die Kunden CDs kaufen, von denen sie sonst nicht gewusst hätten, dass es sie überhaupt gibt, hat diese Technologie auch einen bemerkenswerten sozialen Aspekt. Denn bekanntlich sind gemeinsame Präferenzen und Werte die Basis politischer Gemeinschaften. Sowohl Nationen als auch Subkulturen werden durch ihre kulturellen Vorlieben zusammen gehalten: Der Geschmack ist das soziale Band der Neuzeit, vor allem der schlechte. Die Idee virtueller Gemeinschaften, die die Zwangs- und Notgemeinschaften des 20. Jahhunderts ablösen sollen, stützt sich in erster Linie auf eine gemeinsame kulturelle Identität, zu der die Menschen durch die neuen Kommunikationsmöglichkeiten finden können. Komplexere Collaborative-Filtering-Systeme können die Menschen nicht nur zu Gleichgesinnten führen, sondern zu nahezu perfekten Doppelgängern, mit denen sie von der Lieblingsfarbe bis zu ihren Verschwörungstheorien alles gemeinsam haben. Nicht Deutsche oder Franzosen werden sich auf jeden Fall in Zukunft als Einheit begreifen, sondern beispielsweise Ramones- oder Rammstein-Fans. Ob diese Welt ein friedlichere wird, bleibt abzuwarten. Denn in der Regel ziehen vor allem in kulturellen Systemen die Menschen Grenzen, die unter Umständen ideologischer und dogmatischer sind, als die zwischen den Staaten. Nur wenige Bereiche des Lebens sind beispielsweise so ausdifferenziert wie die Popmusik oder die Mode. Und wie schwer es Kritikern fällt, zu Freunden zu werden, wenn ihre literarische Vorlieben nicht übereinstimmen, konnte man ja kürzlich bestens beobachten. Natürlich kann man auch auf den Seiten von amazon.com oder amazon.de eine Struktur in den Kaufempfehlungen erkennen, die den üblichen Genres und Szenen entspricht. So sind auch die meisten Tipps weniger überraschend als das oben genannte Beispiel: Wer Mozart kauft, kauft auch Salieri oder andere Werke von Mozart, wer Platten von Lou Reed kauft, kauft auch welche von Velvet Underground. Umso interessanter ist es, ein wenig auf die Suche nach kulturellen Zusammenhängen zu gehen, die vor allem bei der Verbindung von Musik zur Literatur ungeahnte Allianzen offenbaren. Denn den CD-Käufern werden vom Empfehlungsautomaten auch Bücher nahegelegt, und umgekehrt. Man kann sich daher nicht nur darüber wundern, warum überdurchschnittlich viele Käufer des Metallica-Albums And Justice For All auch den Ratgeber Gewinnen mit Aktien Chancen für Einsteiger bestellt haben, sondern auch darüber, was für Menschen sich alle das neue Santana-Album Supernatural gekauft haben: Leser von Thomas Mann gehören ebenso dazu wie die von Joschka Fischer, Michel Houellebecq, Don DeLillo, Johannes Mario Simmel und natürlich Harry Potter, Käufer des Schwarzbuch Kapitalismus ebenso wie die von Martin Heideggers Sein und Zeit. Die Empfehlungslisten im größten Kultur-Shop der Welt sind wie kaum eine andere Statistik geeignet, die Entstehungsweise ästhetischer Urteile zu erklären. Dass Geschmacksurteile nicht durch magische oder sinnliche Erfahrungen, sondern nahezu mechanisch zustande kommen, hat vor allem Pierre Bourdieu in seinem Buch Die feinen Unterschiede gezeigt. Wie von dem durch empirische Daten gefütterten Computerratgeber werden den Einzelnen ihre Lieblingsbücher und -songs, Leibgerichte und Kleidungsstücke geradezu vorgeschrieben durch ihre Position innerhalb des ästhetischen Systems, dessen Struktur immer auch eine gesellschaftliche ist. Geschmack hat daher kaum etwas mit Autonomie zu tun; mit Automatismen schon eher. Bourdieu (dessen Leser im Übrigen gerne Buena Vista Social Club, Tom Jones, Eric Clapton und ebenfalls Santana hören) müsste seine wahre Freude an amazon. com haben: Dessen vernetzter Katalog dürfte das ergiebigste Instrument empirischer Sozialforschung darstellen. Es ist nicht auszudenken, welch verborgenen Allianzen das Internet noch aufdecken kann, wenn Collaborative-Filter-Systeme einmal alle Bereiche des Lebens abdecken. Vielleicht würde man dann herausfinden, dass Träger von Digitaluhren besonders gerne Pistazieneis essen, dass Briefmarkensammler regelmäßig HipHop hören oder dass Skinheads bevorzugt in geblümter Bettwäsche schlafen. Auch für die Konstruktion der ästhetischen Ordnung selbst könnten derartige Mechanismen künftig eine Rolle spielen. Dabei ist anzunehmen, dass Anregungen, die über diese Filter vermittelt werden, traditionelle Kulturgemeinschaften eher erhalten oder stärken, weil die Entscheidungen anderer Käufer zum Kriterium für die eigene Wahl werden. Man kommt nicht so leicht von den Bravo-Hits zu Dave Brubeck oder umgekehrt. Unter Umständen gelingt es den Benutzern aber auch, durch überraschende Verbindungen zwischen den verschiedenen Genres ihren Geschmack so zu verfeinern, dass alte ästhetische Autoritäten ihren Einfluss verlieren. Ein Vorteil der Online-Bestellung ist, dass sie anonym vor sich geht und die Kunden nicht unter der Aufsicht ihrer Peergroup stehen. Der Rapper, der heimlich Schubert hört, weil ihn in einem sentimentalen Moment dessen Lieder bezaubert haben, kann seine Klassiksammlung auf dessen Spuren allmählich aufstocken. Und schon dem nächsten Käufer einer Puff Daddy-CD werden dann vielleicht jene Schubert-Lieder empfohlen. |