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:// Sehnsucht nach dem großen Rauschen / Offizielle und illegale Radiosender im Internet revolutionieren die Medien – aber die alte Frage bleibt: Was ist der Mainstream? /

Ein "Stream" ist eine Strömung oder ein langer, kontinuierlicher Fluss. Am bekanntesten ist der "Mainstream", der sich durch seinen großen Einfluss auf weite Teile der Gesellschaft auszeichnet. Wer sich der vorherrschenden Meinung widersetzen oder gegen den Strom schwimmen wollte, musste sich bis in die 80er Jahre einer Subkultur anschließen, die ihre eigenen Verschlüsselungsformen und Präferenzen pflegte. Dann kamen die Computer und setzten den Dualismus von Mainstream und Underground ausser Kraft. Vor dem Code waren zunächst einmal alle gleich: Egal ob groß oder klein, bekannt oder unbekannt, arm oder reich - Rechner und Netz stellen eigene Gesetzmäßigkeiten auf, bei denen die Statussymbole und das Besitzdenken aus der alten Ökonomie an Bedeutung verlieren.

Im Moment sind "Streaming Media" der letzte Schrei. Dahinter steckt die Überlegung, dass das Internet nicht nur statische Dokumente zum Download auf die lokale Festplatte bereithalten könnte, sondern mit wachsenden Übertragungsbandbreiten auch als Sendekanal für Audio- und Videodaten dient. Alle Welt redet in diesen Tagen von UMTS und schwadroniert darüber, was die Wunderwelt der bandbreitigen, mobilen Internetzugänge in nicht allzuferner Zukunft alles in Gang setzen könnte. Doch eigentlich ist der Umbruch vom textbasierten Web zum zeitbasierten Medium ein vergleichsweise alter Hut: Seit Mitte der 90-er Jahre nutzen Hobby-Sender und Piratenradios das Internet als einen Übertragungsweg, der neben der terrestrischen Ausstrahlung mit meist minimaler Reichweite ein überregionales, nicht mehr eingrenzbares Publikum anspricht. Legendär ist der "World Service" von "Irational.org", wo rund um die Uhr Programme von Piraten- und Schlafzimmersendern aus aller Welt zu hören sind: Von "La onda bajita" mit ihrer "Lowrider Show" aus Kalifornien, über Radio "Kyrgyzstan" bis hin zum australischen "Stereopublic" fügen sich Dutzende unterschiedlichster Programme in ein gemeinsam verwaltetes Sendeschema.

Auch Berlins einziger, regelmäßig zu empfangender Piratensender, "Twen FM" sendet seit der Erstürmung der Sendekeller durch die Polizei inzwischen im Internet. "Netzweit", wie es auf der Homepage heisst. Anstatt von mit viel Sendungsbewußtsein gesprochenem Wortbeiträgen ist auf "Twen FM" Clubsound zu hören. Auch in Zeiten der Illegalität waren rund fünfzig verschiedene DJ's damit beschäftigt, ein Programm zusammenzustellen, das auf Mainstream-Frequenzen selbst nachts undenkbar ist. In diese Nische stoßen in letzter Zeit immer mehr Sender vor, die direkt aus den Clubs ins Internet streamen. Am Wochenende der Love-Parade sendete "Clubradio" vier Nächte lang die Live-Auftritte der weltbesten Techno-DJ's aus WMF, Tresor, Maria und Ostgut. Schon etwas länger im Geschäft ist die "Betalounge", eine Internet-Musik-Show, die einmal wöchentlich aus den "Network Syndicate Studios" in San Francisco ausgestrahlt wird. Im Gegensatz zu vielen anderen Internet-Übertragungen bleiben die Betalounge-Shows in einer Archiv kostenlos verfügbar, wo sich zusammen mit einigen Remixen alle Aufnahmen seit Juli 1997 befinden. Während der Popkomm in Köln streamte Betalounge im Online Programm der Musikmesse. Kein Zufall, schließlich setzen fortschrittliche Teile der Musikindustrie große Stücke auf Streaming. Fast scheint es, als täte sich ein Ausweg aus dem leidigen Streit um Tauschbörsen und Raubkopien auf. Streaming könnte das Dilemma zumindest insoweit lösen, als der für den Versand kodierte Datenfluss nicht ohne weiteres auf eine CD gebrannt und weiterverkauft werden kann. Plattenfirmen der nächsten Generation müssten sich also darauf einlassen, Musik als eine Dienstleistung zu vertreiben und nicht als Produkt.

Bis es soweit kommt, werden aber noch einige Terabytes das Netz hinunterstreamen. Pit Schultz, einer der Pioniere des Net-Radio, schätzt, dass zur Zeit auf einen Live-Stream im Schnitt neun Zuhörer kommen. Solche Relationen nähern sich der Brecht'schen Radio-Utopie, in der jeder Empfänger auch gleichzeitig ein Sender ist. Was aber passiert, wenn diese These nicht nur theoretisch gesehen oder technisch realisiert wird, sondern auf einmal auch praktisch der Fall ist? Auf der Diskussionsveranstaltung "Alles streamt" von "Mikro.org" in Berlin wurde Fragen nachgegangen, die mit dem Siegeszug der "Streaming Media" verbunden sind und natürlich auf der Homepage als Video-Stream archiviert sind: "Wie kommt es, dass wir senden und archivieren dürfen, was uns gar nicht gehört? Und warum arbeiten wir eigentlich unbezahlt und haben trotzdem gute Laune?"

An anschaulichen Antworten mangelt es jedenfalls nicht: Im "Xchange" Netzwerk haben sich unter Federführung von Rasa Smite und Raitis Smits aus Riga und ihrem "E-lab" alternative nicht-kommerzielle Internet Sender und praktizierende Individualisten zusammengeschlossen. "Intercultural Jamming" ist das Motto des nunmehr vierten "Art and Communication" Festivals, das vom 24. bis 26. August in der lettischen Hauptstadt stattfindet. Eingeladen sind Medienkünstler aus aller Welt, um in zahlreichen Panels vor allem Fragen der Softwareentwicklung, Perspektiven des Streamings und der Zukunft von "Net.radio" und "Web.TV" nachzugehen. Vernetzungsprojekte wie "Xchange" sind das Rückgrat einer immer unüberschaubarer werdenden Szenerie aus Klein- und Kleinstsendern, die ohne Erfahrungsaustausch und gegenseitige Wertschätzung das Schicksal analoger Piratensender teilen und wahrscheinlich so schnell wieder verschwinden würden wie sie aufgetaucht sind.

"Orang.orang.org" lautet der etwas eigenwillige Name einer Datenbankbank, die auf dem Gebiet des Audio-Streamings Maßstäbe gesetzt hat. Hervorgegangen aus dem Radio der längst eingeschlafenen "Internationalen Stadt" hat Thomax Kaulmann ein "Open Radio Archiv" aufgebaut, das jetzt beim Karlsruher Medienmuseum ZKM um ein Schwesterprojekt bereichert wurde: OVA, das "Open Video Archive", sammelt, streamt und erschließt Video-Produktionen, die auf verschiedenen Servern angesiedelt sind, aber über eine gemeinsame, dynamische Plattform zugänglich sind. Im Unterschied zu kommerziellen Anbietern wie "Atomfilms", "Eveo" oder "Videofarm" kann das Publikum hier nicht nur kostenlosen Content herunterladen, sondern auch eigene Produktionen in die nach verschiedenen Genres und Rubriken sortierte Datenbank hochladen.

Nach dem Prinzip von "Open Content" und "Open Publishing" funktioniert auch "Indymedia.org". Um bei den Protesten gegen das WTO-Treffen im letzten November in Seattle den Mainstream-Medien die "authentische" Berichterstattung aus der Perspektive der Demonstranten entgegenzustellen, gründeten Medienaktivisten das "Independent Media Centre" und speisten aufregende Live-Berichte von der Straße direkt ins Netz. Inzwischen hat sich "Indymedia" auf viele größeren Städte der USA ausgeweitet und ist mit Digitalkameras, Laptops und mobiler Infrastruktur fürs Streaming zur Stelle, wo auch immer es zu Protesten kommt. Egal ob am Rande des Parteitags der Demokraten in Los Angeles oder im September, wenn IWF und Weltbank in Prag tagen, "Indymedia.org" will eine Plattform für Aufnahmen darstellen, die ungefiltert, unredigiert und ohne Zeitverzögerung im Netz verfügbar sind.

"Konvergier oder stirb!" scheint die Parole dieses Sommers zu lauten, doch wieder einmal sind es die kleinen, unabhängigen und randständigen Initiativen, die den großen Medienkonzernen vormachen, wie Interaktivität kein leeres Versprechen bleibt. Diese reichhaltigen Erfahrungen zu bündeln und mit der aktuellen Debatte um rechtliche Rahmenbedingungen, technologische Entwicklungen, sowie politische und ästhetische Implikationen zu verknüpfen, ist Ziel einer Konferenz, die am ersten Oktoberwochenende in Amsterdam stattfinden wird. "Net.congestion" lautet der ironische Titel des Großereignisses, das sich einzureihen versucht in die Tradition "Next Five Minutes"-Kongresse. Eingeweihte kennen das Problem: Allzu oft erscheint am unteren Rand des Playerfensters die Meldung "net congestion", eine Art Stau im Datennetz, der die Wiedergabe von Ton oder Bild für ein paar Sekunden unterbrechen kann. Solche temporären, kleineren Unzulänglichkeiten sind aber keine Schönheitsfehler, sondern machen gerade das Wesen des Streamings aus.

Die Frühphase des Experimentierens mit "Streaming Media" angeführt von ein paar Enthusiasten sei unweigerlich zu Ende, heißt es im Konzept von "Net.Congestion". Netzradio und Web-TV seien an einem Punkt angelangt, wo es nicht mehr bloß gilt, Chancen und Möglichkeiten des hybriden Zusammenspiels von alten und neuen Medien auszuloten und taktische Varianten zu erörtern: "Die Werkzeuge, die die Produzenten von Streaming Media sowohl auf kulturellem wie auf kommerziellem Gebiet benutzen, sind nahezu dieselben. Der Hauptunterschied zwischen diesen beiden Gruppen ist die Art und Weise, wie die Inhalte präsentiert werden."

Spätestens mit der Fusion von AOL und Time Warner sowie dem Backlash gegen den MP3 droht industrie-unabhängiges Produzieren und Senden von den Mainstream-Medien erneut marginalisiert zu werden. Die Micro-, Narrow- oder alternativen Broadcaster stehen vor einer strategischen Herausforderung und müssen die kleine Produktionsweise in Auseinandersetzung mit den veränderten Bedingungen forcieren. Während alle Welt das Verschmelzen von Zeitung, Radio, Fernsehen und Computer zu einem einzigen, riesigen Medium beschwört und der Nutzer zum Konsumenten zu regredieren droht, ist die Gelegenheit günstig, das ästhetische und kulturelle Potential von kleinen oder Mikro-Medien neu zu erörtern. Statt Konvergenzen gälte es, Verwirrung zu stiften: die Um- und Abwege der Kollaboration und Interaktion zu erkunden, die Abstraktheit der herkömmlichen Kommunikationsformen mit Vielstimmigkeit zu unterlaufen und den ewigen Monologen der großen Apparate ins Wort zu fallen.



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