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:// Die Angst des Achterbahnfahrers vor dem Ende der Illusionen / Automaten des Amusements und gefährliche Fahrten an der Außenkante der sozialen Konstruktionen/

Vermutlich sind es immer die nutzlosesten Dinge, die am meisten über die Effektivität von Gesellschaften verraten. Über die Menschen zumindest kann man jede Menge lernen, wenn man sich ihre Spielzeuge anschaut. Kaum ein Ort ist in dieser Hinsicht interessanter als der Vergnügungspark; und wollte man ein pars pro toto des Rummels, vor allem in seiner amerikanischen Version, benennen, dann kann es sich dabei nur um eine Maschine des Spektakels handeln: die Achterbahn.

In seinem Essay über die roller coasters im amerikanischen Webzine Feed beschäftigt sich Emily Jenkins mit der Faszination, die die Achterbahn auch im Zeitalter von Virtual-Reality-Attraktionen noch ausübt. Ihre ungebrochene Popularität führte in den USA dazu, dass der Rekord für die höchste und schnellste Achterbahn diesen Sommer gleich dreimal neu aufgestellt wurde, berichtet Jenkins: Zuletzt von „Steel Dragon“ im japanischen Nagashima (97 Meter Gesamthöhe, 153 km/h). Ob der menschliche Körper mit diesen Fortschritten überhaupt mithalten kann, bezweifelt vor allem Edward Markey, ein demokratischer Kongressabgeordneter aus Massachussetts. Markey wähnt die durchgeschüttelte Bevölkerung in ernsthafter Gefahr, weil Hirnschäden, Herzanfälle und Todesfälle in den vergangenen Jahren deutlich zunahmen.

Weitaus interessanter als die Diskussion über derartige Statistiken, ist das Spannungsfeld, das deutlich wird, wenn man das Verletzungspotential in Betracht zieht, das die Maschinen bergen. Wie bei den tragischen Unfällen, die immer wieder passieren, handelt es sich dabei immer auch um soziale Fehlfunktionen der Spaßapparate. Wie der Vergnügungspark insgesamt soll die Achterbahn als Automat des Amusements natürlich niemanden krank machen, sondern im Gegenteil helfen, das Leiden an der Gesellschaft erträglich zu machen, die Mittelmäßigkeit des Alltags durch ihr exzeptionelles Auf und Ab als vernünftige Norm der Lebensführung zu bestätigen. Damit dies funktioniert, darf die gefährlich anmutende Fahrt nie wirklich gefährlich sein. Auch die Roller-coaster-Industrie stützt sich auf das Argument, eben nur eine „übermäßig effektive Illusion der Gefahr“ zu schaffen.

Es ist kein Zufall, dass das Beispiel von Henry Travers Konstruktion „Cyclone“, das Jay Ducharme auf der Website World of Coasters in seiner „Geschichte der Achterbahn“ schildert, nie Schule gemacht hat. Travers Achterbahn im kanadischen Crystal Beach bei Ontario bot den Besuchern 1927 ein außergewöhnliches Schauspiel. Eine Fahrt mit der „Cyclone“ war der „körperlich bestrafendste Ritt, der je gebaut wurde“. Dass Menschen mit gebrochenen Knochen oder verstauchtem Schlüsselbein die Bahn verließen, passierte so oft, dass eine Krankenstation neben dem Ausgang eingerichtet wurde. „Die Besucher kamen in Scharen nach Crystal Beach, um die schreckenerregende Achterbahn zu sehen – aber nicht um damit zu fahren“, schreibt Ducharme. Immerhin gelang es Traves’ Horrorbahn damit, auf andere, fast perfektere Weise, ihre eigentliche Bestimmung zu erfüllen: Sie vermittelte die Illusion der Gefährlichkeit, ohne dass man überhaupt mit ihr fahren musste.

Spätestens seit man in anderen Geräten anderen Menschen viel bequemer beim Leiden zuschauen kann, hat die bloße Beobachtung der Achterbahnfahrt an Bedeutung verloren. Das besondere Vergnügen, das die Achterbahn bietet, ist es, die Illusion der Gefahr auch körperlich zu erfahren. „Das Erlebnis einer Achterbahnfahrt dient dazu, das Adrenalin aus den Drüsen zu drücken und es wogend durch den Körper zu jagen. Keine andere Form der Unterhaltung, außer der Pornographie, zielt so elementar auf eine bestimmte körperliche Funktion ab“, meint Jenkins. Noch eindeutiger als es so genannte Extremsportarten sind, ist eine Fahrt mit der Achterbahn ein kalkuliertes Abenteuer. Stärker noch als in anderen Transportmitteln wird der Mensch zum Teil der Maschine und ihres Programms. Seine scheinbar spontanen emotionalen Ausbrüche gehören zur Dramaturgie der Fahrt: Wenn man eine Zeitlang an der Anlage steht, kann man leicht erkennen, wie monoton der Rhythmus ist, den die Schreie der Passagiere bilden. Wer sich wirklich fürchtet, schreit nicht, sondern schwitzt. Die Illusion der Angst verdankt sich der Gewissheit, dass alles in Ordnung ist. Wahrscheinlich ist dies auch der Grund, warum auch die etwas älteren, scheinbar unspektakulären Achterbahnen im Schatten der großen Loopings noch ihr Publikum finden. Sie funktionieren noch immer, weil nicht die Superlative die Spannung ausmachen, sondern die Kluft zwischen Gefahr und Sicherheit; und unter Umständen funktionieren sie noch viel besser: weil das Spektakuläre daran ist, dass auch die morsch aussehenden Anlagen noch einmal das Tüv-Siegel bekommen haben.

„Es hat etwas Wunderbares, sich selbst der Angst auszuliefern, wenn der Punkt, an dem die Angst endet, klar definiert ist“, schreibt Jenkins. Eben jener Punkt droht, in extremen Situationen, wie bei Unfällen oder gesundheitsgefährdenden Rekorden, überschritten zu werden. Die Bahn darf nicht aus der Bahn geraten. Damit der Vergnügungspark als eindeutig definierter sozialer Raum funktioniert, muss der Ernst des Lebens draussen bleiben. Dass die organisiertesten Gesellschaften Mechanismen haben, dem Unsinn seinen Platz zuzuweisen, ist nicht neu. Es ist daher etwas verwunderlich, wie Jenkins, nachdem er die Funktion der Achterbahn bis in ihre körperliche Wirkung hinein sehr treffend analysiert hat, noch eine „verborgene Reinheit“ darin entdecken kann, da ihr „einziger Zweck das Vergnügen ist“. National Amusement Devices hieß ein Hersteller von Achterbahnen in den 1950er Jahren: die Spaßgesellschaft mbH.

Die Achterbahn wiegt ihre Passagiere eher in Sicherheit als sie durcheinander zu schleudern. Kaum eine Metapher ist daher irreführender als die der „Achterbahn der Gefühle“. Der Ausdruck, der als Bild für extreme, leidenschaftliche Schwankungen, für Unberechenbarkeit und Unvorhersehbarkeit stehen soll, hat sich mit der Achterbahn das falsche Gefährt ausgesucht. Was Hass oder Liebe, Schmerz oder Glück bedeuten, lässt sich mit dem mediokren Schaukeln auf Schienen kaum beschreiben. Selbst eine Busfahrt der Gefühle wäre spannender. Gefühle, die keine Grenzen überschreiten und aus denen man nach einer vorgesehenen Zeit aussteigen kann, sind keine. Die Achterbahn der Gefühle: das Bordell der Liebe.

Es gibt nur einen einzigen Ausbruch, der bei einer Fahrt mit der Achterbahn nicht unbedingt geplant ist. Und der kommt meistens erst hinterher.



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