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:// Die Subversivität des Plauderns / Die Inhaltsleere der Medien am Beispiel des Chats /

Kaum eine Diskussion über das Internet scheint derzeit ohne den Hinweis auszukommen, man müsse sich von dem einstigen Optimismus visionärer Netztheoretiker verabschieden. Ernüchternd sind dabei weniger die krampfhaften Regulierungsversuche, die Technologien kontrollieren wollen, welche schon längst veraltet sind, wenn der Gesetzgebungssapparat ein Ergebnis produziert hat. Vielmehr werden die utopischen Hoffnungen zum Opfer ihres Erfolgs: Revolutionäre Ideen überleben als Slogans von Firmen, die so tun, als hätten sie die neuen Kommunikationsformen erfunden, die Medien von ihren Monopolen befreit und die Interaktivität entdeckt, deren emanzipatorische Elemente sie freilich als gute Dienstleister gleich wieder zunichte machen, indem sie die anstrengende Suche in geordnete Bahnen lenken und ihren Kunden die lästige Freiheit durch eine ausgefeilte Benutzerführung abnehmen. Die Kolonialisierung des Internets wird dabei durch die Unendlichkeit des virtuellen Raumes nicht erschwert. Um einen Raum zu besetzen, reicht es, ihm einen Namen zu geben.

Dass die aufwändige Konstruktion einer effektiven Navigation für Webseiten das Geheimnis des finanziellen Erfolgs ist, ist eine verbreitete Ansicht unter den Designern des E-Commerce. Miranda Mowbray versucht in der Ausgabe des australischen Online-Journals "M/C - A Journal of Media and Culture" zum Thema "Chat" dieser Auffasssung zu widersprechen. Ihre Analyse des Verhaltens von Teilnehmern einer virtuellen Gemeinschaft in Italien namens "Little Italy" zeigt, dass die Bevormundung von Online-Kunden nicht nur gesellschaftspolitisch desillusionierend, sondern unter Umständen auch die falsche Geschäftsstrategie ist. Die treuesten Mitglieder von "Little Italy" nämlich sind jene, die ihren Charakter in diesem Multi User Dungeon (MUD), einer textbasierten, imaginären Welt, am kreativsten gestalten. Wer Surfer zu Stammkunden machen will, sollte daher, so Mowbray, "vermeiden, Vermutungen anzustellen, wie sich die Besucher gerne präsentieren und ausdrücken möchten." Webdesigner sollten eher "versuchen, Räume für die Kreativität ihrer Besucher offen zu lassen." Meist bleibt von dieser Idee soviel übrig wie bei dem Dienst Chat.de, der seinen Besuchern zur Fantasie rät: "Bitte wählen Sie einen kreativen Namen."

Mowbrays Analyse bezieht sich auf eine ganz besondere Freiheit, die Pavel Curtis' Software Lambda Moo erlaubt, die bei "Little Italy" eingesetzt wird: die Möglichkeit, sein Geschlecht zu erfinden. Das Geschlecht der virtuellen Charaktere kann von ihren "Spielern" neben "männlich" oder "weiblich" auch als "neutral", "königlich", "Rebell", "Engel" oder "Hexe" bezeichnet werden, und manche Mitglieder füllen das freie Feld hinter der Kategorie "Sex" einfach mit Bemerkungen wie "ja, gerne", "viel zu oft" oder "wäre schön" aus. Es ist kein Zufall, dass sich diese Erkenntnis aus der Analyse einer Kommunikationstechnik ergibt, deren Bedeutung von vielen Webdesignern und Administratoren oft nur am Rande beachtet wird. Als einfach zu realisierende Zusatzfunktion werden Chaträume auf kommerziellen und privaten Seiten meist lieblos aufgestellt, wie elektrische Spielzeugpferde vor der Tür eines Kaufhauses.

Vor allem Theoretiker der Gender Studies dagegen erklärten Chaträume und MUDs schon vor Jahren zu ihren bevorzugten digitalen Untersuchungsobjekten: In diesen virtuellen Welten konnten Menschen wie nie zuvor in die Haut fiktiver Figuren schlüpfen, konnten, ja mussten ihre sozial konstruierte Geschlechterrolle, und mit ihr alle körperlichen Eigenschaften, neu erfinden. Amy Bruckman hat daher die Online-Welt auch als "Workshop der Identität" bezeichnet. Die Bedeutung dieser Pseudo-Identitäten liegt dabei weniger in der Täuschung der anderen Spieler, sondern vielmehr in ihrem Verweis auf die grundlegende Situation jedes Individuums: Es gibt keine Einheit mit sich selbst, nur Substitute, Zeichen des Ichs. Das virtuelle Ich ist nur eines davon.

Mowbrays Untersuchung deutet jedoch darauf hin, dass die meisten Teilnehmer im Neuentwurf ihrer Identität weniger eine subversive Praxis, als eine amüsanten Zeitvertreib sehen. "Die Teilnehmerin von ,Little Italy', die ihr Geschlecht als ,Ente' präsentiert", schreibt sie, "hält sich selbst nicht für eine Ente, sie übt keine Kritik an weiblichem Stereotypen, sie stellt nicht die Idee der Weiblichkeit in Frage, sie versteckt ihr Offline-Geschlecht nicht, um Belästigungen zu vermeiden und sie drückt nicht ihre innere Entenheit aus; sie amüsiert sich nur ein bisschen. Little Italy ist eher ein Spielplatz der Identität als ein Workshop." Wie subversiv die Unterhaltungen sind, die in tausenden von Chaträumen im Internet gehalten werden, lässt sich dabei an deren Inhalten kaum ablesen. Man muss ein beliebiges Gespräch in einem beliebigen Chatraum nur kurz verfolgen, um zu erkennen, dass von den Chaträumen keine Revolution ausgeht. Umgekehrt wird sich aber auch der größte Kritiker der Belanglosigkeit der Themen, der Verformung der Sprache durch stereotype Codes wie LOL (laugh out loud), ROFL (rolling on floor laughing) oder UBM (you bore me) und der hemmungslosen Ignoranz gegenüber welchen Rechtschreibregeln auch immer der Faszination nicht entziehen können, im Schutz der Anonymität eine andere Rolle zu spielen. In einer Analyse ihres eigenen Chat-Verkehrs stellten Cynthia Campbell und Scott A. Wickman sogar eine Veränderung ihres Verhaltens fest, obwohl beide auch "offline" befreundet sind: "Obwohl es für Freunde unmöglich ist, glaubhaft neu zu erfinden, wer sie sind, bemerkten wir, dass wir eine besondere Art der Anonymität entwickelten, indem wir der jeweiligen Situation entsprechende positive Aspekte unserer Persönlichkeit betonten."

Dass die virtuellen Freiräume, sowohl für die Konstruktion einer eigenen Identität, als auch als Forum zum unzensierten Äußern der eigenen Meinung, die Chats vielleicht gerade deshalb bieten, weil sie "Spielplätze" sind, weit weniger genutzt werden, als es möglich wäre, liegt vermutlich am wenigsten an den Besonderheiten dieser Technologie. Kein technisches Defizit ist dafür verantwortlich, dass sich die Besucher von Chaträumen lieber über Körpermaße unterhalten als über Demokratietheorien, keine Software dafür, dass auf vielen Seiten ein Moderator diejenigen ausschließt, die unmoderat gegen die Regeln der so genannten Chatikette verstossen. Es ist kaum verwunderlich, dass sich potentielle Freiräume nicht von heute auf morgen mit unkonventionellen Meinungen füllen, sondern dass sie die homogenen Positionen der Konsensgesellschaft reproduzieren.

Natürlich lässt sich bei einer genaueren Untersuchung durchaus eine erhebliche Differenzierung in Art und Inhalt der Chaträume feststellen. Für Paul ten Have, der in seinem Beitrag den Prozess der Partnerfindung am Beispiel des Microsoft-Chats untersucht, organisieren sich dabei Gemeinschaften vor allem durch zwei Klassen der Kategorisierungen: durch lokale, nationale, kulturelle bzw. ethnische Gemeinsamkeiten oder über das Thema. Neben globalen Chaträumen, die sich auf einzelne Städte beziehen - ein seltsames Paradox -, finden sich Gleichgesinnte in Chaträumen wie "LesbianBiTeenGirls", "subslavespankbondage" oder "desert_and_cactus_only" zusammen. Trotz der enormen Spezifizierung garantiert das Label jener manchfaltigen Räume jedoch keineswegs, dass dort das Gesprächsthema auch eingehalten wird. Tatsächlich hat sich bei der Nutzung von Chats eine eigene Gesprächskultur entwickelt, die dazu führt, dass selbst Literaten-Chats immer ins Banale abzurutschen drohen, obwohl das Medium zum Austausch von Ideen wie geschaffen wäre. Wie bei der Übermittlung von Kurznachrichten per Mobiltelefon (oder beim Telefon selbst) wird die Möglichkeit des Austauschs von Texten über das Internet in Echtzeit mißbraucht - und durch diese Abweichung von seinem funktionell sinnvollen Gebrauch als Werkzeug wohl auch erst zum Medium. Die Übermittlung wichtiger Botschaften ist keiner Technologie mehr vorbehalten, sobald sie massenfähig wird. Der Hang zum Plaudern ist kein Phänomen des "Chats", auch wenn es fast so klingt, als hätten die Erfinder dieser Bezeichnung die Belanglosigkeit der künftigen Inhalte schon mitgeplant.

Vor allem auf Seiten, die außer verschiedenen Chaträumen keine Inhalte anbieten, wird auch in ihnen über keine gesprochen. Wie die Namen von Kneipen dienen die Rubriken wie "Lifestyle", "Sportsworld, "Herzschmerz" oder "Big Brother" nur zur Verabredung eines Treffpunkts. Nicht zuletzt, weil der digitale Ortswechsel einfacher ist, wird überall über alles und nichts gesprochen - vor allem über nichts. Dies jedoch ist keine Besonderheit der Online-Kommunikation. Ein Chatraum ist, wie ten Have schreibt, eine "virtuelle Cocktail-Party". Vielleicht ist es ja deshalb dort so schwer, mit Gesprächen über Heidegger im Mittelpunkt zu stehen.

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