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:// Wo einmal die kleine Pazifikinsel Tuvalu lag, da wohnt jetzt Hollywood / Die Freiheit im Netz: Wie Andy Müller-Maguhn dafür sorgen will, dass das gegenwärtige Namenssystem im Internet reformiert wird /
Sobald heutzutage von Hackern die Rede ist, werden meist Mythen
kolportiert: Es handele sich um weltfremde Idealisten, die zwar
übermenschliche technische Fähigkeiten besäßen, aber tragisch endeten:
Großmäuliger Verrat, kleinlautes Überlaufen zur Gegenseite oder
mysteriöse Selbstmorde bestimmen das Bild dieser sonderbaren Spezies von
Computer-Freaks in der Öffentlichkeit. "Hacken ist ein Geisteszustand",
sagt
In "Corporate America" löste schon die Kandidatur Müller-Maguhns
erhebliche Irritationen aus: Auf "TelekomNet" wurde bereits Wochen vor
der Wahl recht ressentimentgeladen von möglichen Wahlmanipulationen
durch europäische Hacker gemunkelt. Nachdem der Abstimmungssieger
schließlich feststand, mokierte sich Ben Charny vom Online-Dienst "ZDNet
News" über Müller-Maguhns "Arroganz, die schon bei einem Telefongespräch
rüberkommt". Einzig das kalifornische Magazin "Wired" scheint sich
bislang zu bemühen, die Wogen etwas zu glätten, um einen Kulturkampf zu
entschärfen, den man sich explosiver eigentlich kaum vorstellen könne:
Müller-Maguhn könne "den Amerikanern dabei helfen, Hacken als eine
Philosophie, als eine besondere Denkweise zu begreifen und nicht als
Schimpfwort", hofft Steve Kettmann in "Wired News" genau eine Woche nach
der Wahl.
Mit keinem Wort erwähnt wurde die "Regierungserklärung", die
Müller-Maguhn am 17. Oktober in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
veröffentlichen ließ. Bei dieser Gelegenheit hatte der frisch gewählte
Direktor von ICANN so ungefähr mit allem kokettiert, was in
Offline-Umgebungen dazu taugen könnte, einen handfesten Skandal
auszulösen oder zumindest bundesanwaltschaftliche Ermittlungen auf sich
zu ziehen: Seine unheimliche Sympathie für die RAF und die Abneigung
Anzügen wie Krawatten gegenüber, seine zum Lebensprinzip erhobene
Renitenz und die öffentlich zur Schau gestellte Auffassung, geistiges
Eigentum sei Diebstahl. Müller-Maguhns Motive für diesen Rundumschlag
sind durchaus nachvollziehbar: "Nachdem sogar die CDU eine
Presseerklärung mit Glückwünschen zum ICANN-Direktoriumsposten
herausgegeben hat, hatte ich den Eindruck, ein paar Dinge klarstellen zu
müssen", schreibt er auf seiner Homepage "Datenreisen.de". Die in seinen
Kreisen wahrscheinlich immer noch als stock-konservativ verrufene FAZ
schien Müller-Maguhn das geeignete Medium, sich von falschen Freunden
loszusagen.
Es könnte aber auch einen weiteren Grund gehabt haben: Als
eine der letzten deutschen Tageszeitungen verzichtet die FAZ auf eine
simultane Online-Ausgabe, übersetzt stattdessen aber einige Artikel ins
Englische. Bevor sie also auf elektronischem Deutsch verfügbar war,
kursierte Müller-Maguhns Regierungserklärung bereits im
englischsprachigen Internet, und eine der ersten Adressen, aus der ein
Echo widerhallte, war "Slashdot.org". Unter dem Slogan "News for Neirds.
Stuff that matters" bietet Slashdot eines der größten Diskussionsforen
im World Wide Web an, in dem sich eine nicht- oder gar anti-kommerziell
ausgerichteten Nutzerschaft praktisch in Echtzeit ellenlange
Auseinandersetzungen liefert. In der wilden Debatte um Müller-Maguhns
Regierungserklärung überwog gleichwohl Skepsis, ob der
Hacker-Repräsentant mit der Regierungserklärung wohl den richtigen Ton
getroffen habe. Breiten Raum füllt vor allem die Frage, ob Müller-Maguhn
als einer von 19 ICANN-Direktoren auf seine starken Worten nun auch
Taten folgen lassen werde. Von Übersetzungsmängeln, die sofort zur
Erstellung von zwei kommentierten Neufassungen führten, bis hin zur
ironischen Randbemerkung, was das Copyright der FAZ unter der Flammrede
gegen die Lizenzierung der Netzinhalte zu bedeuten habe, zerpflücken
kritische Kommentatoren den Text. Einer kommt gar zu dem Schluss, es
müsse sich um ein übles Fake handeln, schließlich könne doch niemand
ernsthaft behaupten, Krawatten schnürten die Blutzufuhr zum Gehirn ab,
und gleichzeitig noch mit Thesen über die Neuordnung des
Domain-Name-Systems für voll genommen werden wollen.
Müller-Maguhn rückte seine Überzeugungen unterdessen in einer Reihe von
Interviews mit einschlägigen Internet-Magazinen ins rechte Licht. Sowohl
für Telepolis als auch für Spiegel-Online bemühte er sich um eine
Argumentation, die keine Zweifel an der Seriosität seiner künftigen
Regierungspolitik aufkommen läßt. Es gehe ihm vorrangig um Transparenz
und darum, "die regionalen wie auch globalen Probleme und Anliegen der
europäischen Nutzer zu sammeln und dabei zumindest eine informelle
Vernetzung der europäischen Nutzerorganisationen zu schaffen." Der
"Namespace" des Internets solle ein öffentlicher Raum werden, zu dem
jeder Bürger Zugang hat; auf keinen Fall solle ICANN in die Rolle einer
Internetpolizei schlüpfen, die das letzte Wort über die Namensvergabe
spricht und damit über die Erreichbarkeit eines Netzangebots
entscheidet. Ansichten, mit denen Müller-Maguhn weder besonders
umstürzlerisch wirkt, noch allein auf weiter Flur steht. Sein
nordamerikanischer Kollegen im ICANN-Direktorium, Karl Auerbach,
plädiert ebenfalls für die konsequente Aufhebung aller künstlichen
Beschränkungen der sogenannten Top-Level-Domains (TLD) und hat als
Forscher beim Technologie-Konzerns CISCO schon einmal durchgerechnet,
dass problemlos Millionen von "dot-whatever"-Internetadressen möglich
wären.
Für ähnliche Ziele macht sich bereits seit Mitte der 90-er Jahre Paul Garrin stark, ein Videokünstler aus New York und Gründer der Firma
"Name.Space". Er kämpft schier unermüdlich für die Freigabe der TLD's
und gegen die nicht nur in seinen Augen unselige Verquickung von
US-Regierungsmonopolen und Konzerninteressen auf Kosten der Nutzer
weltweit. "Name.Space", das 1995 als Kunstprojekt gestartet wurde,
bietet mithilfe eines selbstgestrickten Namenssystems und im klienen
Kreise längst an, was vielleicht irgendwann einmal Wirklichkeit wird,
wenn im ICANN-Direktorium nicht nur zwei von 19 Direktorenposten mit
notorischen Querdenkern besetzt sein sollten: Jeder Internet-Nutzer kann
jeden beliebigen Domain-Namen in Kombination mit jeder beliebigen
Top-Level-Domain registrieren - mit der einzigen Einschränkung, daß
niemand anderer bereits auf dieselbe Idee gekommen sein darf.
Das im Moment existierende Domain Name System sei schließlich alles
andere als intuitiv erfassbar und laufe fast allen geläufigen,
kulturellen Kodifizierungen zuwider. Zu dieser Feststellung gelangte Ted
Byfield, der "roving_reporter" von Tasty Bits from the Technology
Front". Telefonnummern, Ablagesysteme und nicht zuletzt die guten, alten
Newsgroups schlagen den üblichen Weg ein: Von links nach rechts gelesen
schreiten sie vom Allgemeinen zum Spezifischen vor, während bei den
Domainnamen die umgekehrte Richtung eingeschlagen werden muss: also erst
die spezifische Art des Services, dann der Eigenname und schließlich die
allgemeine Kategorie, bevor die endlosen hierarchischen Verzweigungen
der Unterverzeichnisse folgen.
Dass sich an der gegenwärtigen Situation etwas ändern muss, wird
inzwischen von niemandem mehr bezweifelt. Die heiß umkämpfte Frage ist
vielmehr wie, und wer dann davon profitieren wird. Seit dem 9. Oktober
können Besucher die auf der Homepage von ICANN bislang eingegangenen
Vorschläge kommentieren, um welche das momentane System der Top Level
Domains schon bald erweitert werden könnte. Mehr als vierzig Unternehmen
haben sich als künftige Registratoren diese neuen Adress-Suffixe
angemeldet und allein für die Bewerbung schon einmal 50.000 Dollar
Gebühr auf den Tisch blättern müssen. Die ICANN Direktoren sollen dann
bis zum 20. November über die endgültige Vergabe entscheiden. Wieviel
Geld die Spekulation mit den neuen Namen in Umlauf bringen dürfte, hat
Metro-Goldwyn-Mayer schon einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt: 50
Millionen Dollar war dem Medienkonzern der Erwerb der Endung ".tv" wert.
Ursprünglich gehörte das Kürzel der kleinen Pazifikinsel Tuvalu, deren
Regierung das Motto von Müller-Maguhns Regierungserklärung eher
eigennützig auslegte: "Macht doch was ihr wollt!"
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