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:// Wo einmal die kleine Pazifikinsel Tuvalu lag, da wohnt jetzt Hollywood / Die Freiheit im Netz: Wie Andy Müller-Maguhn dafür sorgen will, dass das gegenwärtige Namenssystem im Internet reformiert wird /

Sobald heutzutage von Hackern die Rede ist, werden meist Mythen kolportiert: Es handele sich um weltfremde Idealisten, die zwar übermenschliche technische Fähigkeiten besäßen, aber tragisch endeten: Großmäuliger Verrat, kleinlautes Überlaufen zur Gegenseite oder mysteriöse Selbstmorde bestimmen das Bild dieser sonderbaren Spezies von Computer-Freaks in der Öffentlichkeit. "Hacken ist ein Geisteszustand", sagt Andy Müller-Maguhn. Er meint damit das Verlangen, neue Technologien wirklich zu verstehen, um sie kreativ und kritisch zu benutzen. Was er am meisten hasse, sei, wenn er Ex-Hacker genannt werde. So würden sich nur Leute bezeichnen, die selbst nie Hacker waren und heute für die Industrie arbeiteten. Der langjährige Pressesprecher des Chaos Computer Clubs hat gerade den vielleicht größten Hack seines Lebens geschafft: Seit dem 11. Oktober sitzt der 29-jährige Berliner im Direktorium von ICANN, einem privaten Konsortium, das in letzter Zeit oft "Weltregierung des Internet" genannt wird und für die Verwaltung der Namensvergabe im Netz zuständig ist. Das für viele Überraschende dabei ist: Müller-Maguhn hat sich nicht etwa unbefugt Zutritt verschafft zu diesem erlauchten Kreis - er wurde mit der überwältigenden Mehrheit der abgegebenen Stimmen von den wahlberechtigten Internetnutzern Europas auf diesen Posten gewählt.

In "Corporate America" löste schon die Kandidatur Müller-Maguhns erhebliche Irritationen aus: Auf "TelekomNet" wurde bereits Wochen vor der Wahl recht ressentimentgeladen von möglichen Wahlmanipulationen durch europäische Hacker gemunkelt. Nachdem der Abstimmungssieger schließlich feststand, mokierte sich Ben Charny vom Online-Dienst "ZDNet News" über Müller-Maguhns "Arroganz, die schon bei einem Telefongespräch rüberkommt". Einzig das kalifornische Magazin "Wired" scheint sich bislang zu bemühen, die Wogen etwas zu glätten, um einen Kulturkampf zu entschärfen, den man sich explosiver eigentlich kaum vorstellen könne: Müller-Maguhn könne "den Amerikanern dabei helfen, Hacken als eine Philosophie, als eine besondere Denkweise zu begreifen und nicht als Schimpfwort", hofft Steve Kettmann in "Wired News" genau eine Woche nach der Wahl.

Mit keinem Wort erwähnt wurde die "Regierungserklärung", die Müller-Maguhn am 17. Oktober in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlichen ließ. Bei dieser Gelegenheit hatte der frisch gewählte Direktor von ICANN so ungefähr mit allem kokettiert, was in Offline-Umgebungen dazu taugen könnte, einen handfesten Skandal auszulösen oder zumindest bundesanwaltschaftliche Ermittlungen auf sich zu ziehen: Seine unheimliche Sympathie für die RAF und die Abneigung Anzügen wie Krawatten gegenüber, seine zum Lebensprinzip erhobene Renitenz und die öffentlich zur Schau gestellte Auffassung, geistiges Eigentum sei Diebstahl. Müller-Maguhns Motive für diesen Rundumschlag sind durchaus nachvollziehbar: "Nachdem sogar die CDU eine Presseerklärung mit Glückwünschen zum ICANN-Direktoriumsposten herausgegeben hat, hatte ich den Eindruck, ein paar Dinge klarstellen zu müssen", schreibt er auf seiner Homepage "Datenreisen.de". Die in seinen Kreisen wahrscheinlich immer noch als stock-konservativ verrufene FAZ schien Müller-Maguhn das geeignete Medium, sich von falschen Freunden loszusagen.

Es könnte aber auch einen weiteren Grund gehabt haben: Als eine der letzten deutschen Tageszeitungen verzichtet die FAZ auf eine simultane Online-Ausgabe, übersetzt stattdessen aber einige Artikel ins Englische. Bevor sie also auf elektronischem Deutsch verfügbar war, kursierte Müller-Maguhns Regierungserklärung bereits im englischsprachigen Internet, und eine der ersten Adressen, aus der ein Echo widerhallte, war "Slashdot.org". Unter dem Slogan "News for Neirds. Stuff that matters" bietet Slashdot eines der größten Diskussionsforen im World Wide Web an, in dem sich eine nicht- oder gar anti-kommerziell ausgerichteten Nutzerschaft praktisch in Echtzeit ellenlange Auseinandersetzungen liefert. In der wilden Debatte um Müller-Maguhns Regierungserklärung überwog gleichwohl Skepsis, ob der Hacker-Repräsentant mit der Regierungserklärung wohl den richtigen Ton getroffen habe. Breiten Raum füllt vor allem die Frage, ob Müller-Maguhn als einer von 19 ICANN-Direktoren auf seine starken Worten nun auch Taten folgen lassen werde. Von Übersetzungsmängeln, die sofort zur Erstellung von zwei kommentierten Neufassungen führten, bis hin zur ironischen Randbemerkung, was das Copyright der FAZ unter der Flammrede gegen die Lizenzierung der Netzinhalte zu bedeuten habe, zerpflücken kritische Kommentatoren den Text. Einer kommt gar zu dem Schluss, es müsse sich um ein übles Fake handeln, schließlich könne doch niemand ernsthaft behaupten, Krawatten schnürten die Blutzufuhr zum Gehirn ab, und gleichzeitig noch mit Thesen über die Neuordnung des Domain-Name-Systems für voll genommen werden wollen.

Müller-Maguhn rückte seine Überzeugungen unterdessen in einer Reihe von Interviews mit einschlägigen Internet-Magazinen ins rechte Licht. Sowohl für Telepolis als auch für Spiegel-Online bemühte er sich um eine Argumentation, die keine Zweifel an der Seriosität seiner künftigen Regierungspolitik aufkommen läßt. Es gehe ihm vorrangig um Transparenz und darum, "die regionalen wie auch globalen Probleme und Anliegen der europäischen Nutzer zu sammeln und dabei zumindest eine informelle Vernetzung der europäischen Nutzerorganisationen zu schaffen." Der "Namespace" des Internets solle ein öffentlicher Raum werden, zu dem jeder Bürger Zugang hat; auf keinen Fall solle ICANN in die Rolle einer Internetpolizei schlüpfen, die das letzte Wort über die Namensvergabe spricht und damit über die Erreichbarkeit eines Netzangebots entscheidet. Ansichten, mit denen Müller-Maguhn weder besonders umstürzlerisch wirkt, noch allein auf weiter Flur steht. Sein nordamerikanischer Kollegen im ICANN-Direktorium, Karl Auerbach, plädiert ebenfalls für die konsequente Aufhebung aller künstlichen Beschränkungen der sogenannten Top-Level-Domains (TLD) und hat als Forscher beim Technologie-Konzerns CISCO schon einmal durchgerechnet, dass problemlos Millionen von "dot-whatever"-Internetadressen möglich wären.

Für ähnliche Ziele macht sich bereits seit Mitte der 90-er Jahre Paul Garrin stark, ein Videokünstler aus New York und Gründer der Firma "Name.Space". Er kämpft schier unermüdlich für die Freigabe der TLD's und gegen die nicht nur in seinen Augen unselige Verquickung von US-Regierungsmonopolen und Konzerninteressen auf Kosten der Nutzer weltweit. "Name.Space", das 1995 als Kunstprojekt gestartet wurde, bietet mithilfe eines selbstgestrickten Namenssystems und im klienen Kreise längst an, was vielleicht irgendwann einmal Wirklichkeit wird, wenn im ICANN-Direktorium nicht nur zwei von 19 Direktorenposten mit notorischen Querdenkern besetzt sein sollten: Jeder Internet-Nutzer kann jeden beliebigen Domain-Namen in Kombination mit jeder beliebigen Top-Level-Domain registrieren - mit der einzigen Einschränkung, daß niemand anderer bereits auf dieselbe Idee gekommen sein darf.

Das im Moment existierende Domain Name System sei schließlich alles andere als intuitiv erfassbar und laufe fast allen geläufigen, kulturellen Kodifizierungen zuwider. Zu dieser Feststellung gelangte Ted Byfield, der "roving_reporter" von Tasty Bits from the Technology Front". Telefonnummern, Ablagesysteme und nicht zuletzt die guten, alten Newsgroups schlagen den üblichen Weg ein: Von links nach rechts gelesen schreiten sie vom Allgemeinen zum Spezifischen vor, während bei den Domainnamen die umgekehrte Richtung eingeschlagen werden muss: also erst die spezifische Art des Services, dann der Eigenname und schließlich die allgemeine Kategorie, bevor die endlosen hierarchischen Verzweigungen der Unterverzeichnisse folgen.

Dass sich an der gegenwärtigen Situation etwas ändern muss, wird inzwischen von niemandem mehr bezweifelt. Die heiß umkämpfte Frage ist vielmehr wie, und wer dann davon profitieren wird. Seit dem 9. Oktober können Besucher die auf der Homepage von ICANN bislang eingegangenen Vorschläge kommentieren, um welche das momentane System der Top Level Domains schon bald erweitert werden könnte. Mehr als vierzig Unternehmen haben sich als künftige Registratoren diese neuen Adress-Suffixe angemeldet und allein für die Bewerbung schon einmal 50.000 Dollar Gebühr auf den Tisch blättern müssen. Die ICANN Direktoren sollen dann bis zum 20. November über die endgültige Vergabe entscheiden. Wieviel Geld die Spekulation mit den neuen Namen in Umlauf bringen dürfte, hat Metro-Goldwyn-Mayer schon einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt: 50 Millionen Dollar war dem Medienkonzern der Erwerb der Endung ".tv" wert. Ursprünglich gehörte das Kürzel der kleinen Pazifikinsel Tuvalu, deren Regierung das Motto von Müller-Maguhns Regierungserklärung eher eigennützig auslegte: "Macht doch was ihr wollt!"

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