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:// Politiker sind auch nur Medien / Jeder verkauft sich, so gut er kann. Warum es kein Entrinnen aus der Medienwelt gibt /

Als damals die ersten Menschen ihren Container verliesen, da mussten sie bald feststellen, dass nicht die Freiheit, die sie angeblich vorher kannten, auf sie wartete, sondern immer neue Container: Eine Figur namens Sladdi zum Beispiel lebte fortan nur noch in Limousinen und Studios, und später dann in seiner eigenen Welt. Fast hätte man anfangs glauben können, dass die Produzenten von BigBrother versuchen, mit enormen Aufwand ein phänomenales Experiment durchzuführen, um zu untersuchen, wie Menschen ohne den Zugang zu Medien leben, und vor allem, über was sie sich unterhalten können. Doch die Bewohner des Containers wurden dann gar nicht von der Medienwelt abgeschlossen: Sie waren mittendrin. Sie lebten in den Medien. Deswegen war es auch kein Wunder, dass zwischen den Figuren John und Verona Feldbusch, Karim und Guido Westerwelle kein so grosser Unterschied mehr bestand: Man war ja schließlich unter sich. Guido, so sollte man sehen, ist auch nur ein Mensch, und die Bewohner sind auch nur Medienstars.

Ob jemand ein Ernst zu nehmender Politiker ist, oder ein Selbstdarsteller, das ist inzwischen aber nicht nur dem Fernsehpublikum egal, sondern auch den Wählern, nicht nur, weil die Zuschauer als Bürger in den Wahlkabinen auch lediglich ihre Zapping-Preferenzen mit einer anderen Fernbedienung wiederholen. Hätten sich die Wahlen in den USA nicht zum aktuellen Spektakel entwickelt, so hätte eigentlich keiner der beiden Kandidaten die Präsidentschaft verdient. Denn während des gesamten Wahlkamfs haben beide Wettbewerber den fantastischen Stoff verschenkt, einen Stoff, aus dem sie die "ultimative Reality-Show" hätten machen können, wie der Medeinwissenschaftler Robin Andersen in seinem hervorragenden Beitrag für mediachannel.org schreibt: "Al und George W. als Konkurrenten in einem Wettkampf mit hohem Einsatz, unter außerordentlichem Druck, gezwungen, sich auf ihre eigenen Ideen, ihren Witz und ihre Persönlichkeit zu verlassen, um den größten Preis der Welt zu gewinnen." Die Show der Kandidaten jedoch war so schlecht, dass keiner ihrer Auftritte auch nur die Hälfte einer beliebigen Episode von "Survivor", der amerikanischen Version der Fernsehserie "Inselduell" erreichte. "Bei ,Survivor' entwickelte sich die Handlung weiter, die Strategien veränderten sich und die Dialoge wiederholten sich nicht", schreibt Andersen. "Die Wahl dagegen schleppte sich wochenlang mit den selben Slogans dahin."

Selbst in den Vereinigten Staaten, in einem Land also, in dem sich schon seit jeher Elemente der Show in außerordentlichem Maß in die Politik mischen, schafft es die Politik scheinbar nicht, die besseren Inszenierungen zu liefern. Für den Gewinn der Wahl wäre dies aber entscheidend, wie Andersens weitere Analyse zeigt. Die Professionalität der Kampagne selbst nämlich wird in Zeiten, in denen Medien nur noch über Medien berichten, zu einem Faktor, den der Wähler mitbewertet. Wie maklellos sich ein Politiker selbst darstellt und wie gut die Agenturen arbeiten, die ihn dabei unterstützen, werden vom Wähler als Eigenschaft des Kandidaten beurteilt, fast als Charakterzug, der ebenso wichtig ist, wie Integrität, Kompetenz oder Ausstrahlung. Schon bei der Wahl Gerhard Schröders zum Bundeskanzler konnte man das sehen: Selbst Menschen, die ihn als skrupellosen Machtmenschen einschätzten, gaben ihm seine Stimme, weil er sich "gut verkauft". Die rationale Entscheidung der Wahl ist eine der zynischen Vernunft: Die Wähler stimmen nicht mehr über die Kandidaten ab, sondern über deren Kampagnen.

Angesichts der Dominanz der Images könnte man richtig Sehnsucht bekommen, nach Medien, die die wahren Gesichter der Politiker hinter ihrer Maske entlarven wollen, auch wenn jede Form des so gennanten Enthüllungsjournalismus auch nur immer bei neuen Verpackungen ankommen würde. Beim amerikanischen Wahlkampf zeichnete sich jedoch statt dessen die umgekehrte Tendenz ab: Statt wie in der Vergangenheit den Kandidaten kritische Fragen zu stellen, untersuchte die "seröse" Presse deren Marketingstrategien oder debatierten die Frage, ob versteckte Botschaften in Wahlspots funktionieren oder nicht. Auch den Analysten ging es gar nicht mehr darum, die Politiker zu enttarnen, sondern darum, immer neue Verkleidungen zu entdecken. Statt zu einem rätselhaften Kern der Dinge vorzudringen, nahmen sie immer höhere Metaebenen ein.

Ob die Wirklichkeit überhaupt noch jemanden interessiert: das ist dabei mindestens so ungewiss, wie die Frage, wo sie denn zu finden sei. Andersens Kritik der Medienkritik ist nämlich natürlich eher noch einen Schritt weiter entfernt von den "echten" Problemen der Gesellschaft als diese selbst. Es ist ja fast schon eine banale Erkenntnis, dass sich Texte immer nur auf andere Texte beziehen, dass Medien nur über sich selbst berichten. Schon lange vor BigBrother klagte "Michel de Montaigne: "Es gibt mehr Bücher über Bücher als über irgend einen anderen Gegenstand. Wir tun nichts anderes, als uns gegenseitig mit Anmerkungen zu versehen." Natürlich offenbart sich das Wesen des Kommentars, das jeder Text beinhaltet, am besten im Internet. In der Form der so genannten Weblogs, einer Art digitaler Tagebücher, die Artikel und andere Webseiten kommentieren und verlinken, ist diese Praxis am deutlichsten zu erkennen.

Auch die wunderbare Seite Perlentaucher.de ist eine Art Weblog, wenn auch in höchst professioneller Gestaltung. Die Seite fasst täglich die wichtigsten Artikel der deutschen Feuilletons zusammen, ergänzt sie oft durch eigene, kurze Anmerkungen und veröffentlicht die Kurzbesprechungen bereits um 9 Uhr desselben Tages. Es kann also durchaus vorkommen, dass Leser zuerst die Besprechung einer Zeitungsartikels lesen, und dann diesen selbst, dass sie die Rezension der Rezension vor (oder anstatt) der Rezension lesen - ein Phänomen, dass bei Kinofilmen und Romanen schon lange zu beobachten ist. Wenn das Feuilleton das ist, was "unterm Strich" steht, so zieht Perlentaucher noch einen weitern Strich darunter. Weil die Redaktion auf nahezu jeden Artikel der ausgesuchten Zeitungen eingeht, erweckt sie fast den Eindruck einer Rezensionsmaschine, die nicht zu stoppen ist (oder gibt es etwa tatsächlich Menschen, die sich schon im Morgengrauen alle großen Feuilletons dieses Landes zu Gemüte führen?). Jeder Text kann sich daher nicht nur nahezu sicher sein, von diesem Automaten besprochen zu werden, sondern er kann sich auch kaum davor schützen.

Wer an dieser Stelle über Perlentaucher schreibt, tut etwas, das sich, zumindest in diesem Medium, eigentlich nicht gehört: Er schreibt über sich selbst, über seine eigene Rezension. Über Perlentaucher zu schreiben ähnelt daher eher dem Briefeschreiben, einem Schreiben, dass mit einer Antwort rechnet. Das Beispiel erinnert daran, dass Selbstreferentialität nichts mit der Eitelkeit der Autoren, sondern mit einer Aporie zu tun hat: Wie nicht über sich schreiben. In der Rezension dieses Textes wird (bzw. ist) auch Perlentaucher diesem Dilemma nicht entkommen.

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