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:// Der scheußliche Geschmack des Realen / Warum auch virtuelles Frühstücksfleisch nicht frei von Gift ist /
Was den Münchnern die Weißwurst, ist den Amerikanern das
Frühstücksfleisch: Ein kulinarischer Mythos, der für
Aussenstehende pedantisch wirkende Auseinandersetzungen nach
sich zieht, wie zum Beispiel, ob die rosa Fleischmasse
besser zu schneiden oder würfeln wäre. 1937, nur kurze Zeit
nach der Erfindung des Dosenbiers, kam der Unternehmer Jay
C. Hormel auf die Idee, auch Schinkenwurst in kleine
Blechbehälter zu packen. Der Name für das neuartige
Erzeugnis wurde per Preisaussschreiben ermittelt: 100 US
Dollar war der Firma Hormel der Vorschlag eines
Schauspielers wert, die jeweils ersten und letzten beiden
Buchstaben von "Spiced Ham" zu "Spam" zusammenzuziehen.
Original "SPAM Luncheon meat" besteht aus Schinken,
Schweineschulter und einer streng geheim gehaltenen
Gewürzmischung.
Die "Hormel Foods
Corporation" hat SPAM in 101 Ländern dieser Welt
markenrechtlich geschützt. Offenbar vergeblich, denn was
heutzutage immer mehr Menschen unter Spam verstehen, hat mit
der ersten Mahlzeit des Tages so wenig zu tun wie Internet
mit dem Krieg der Sterne. Im Netz steht Spam
umgangssprachlich für elektronische Postwurfsendungen,
unverlangt eingehende Werbung, Junk-Email oder wie es
offiziell heißt: "Unsolicited Commercial Email" (UCE). Also
Nachrichten, die meist mit Sätzen beginnen wie: "Vielen Dank
für Ihr Interesse...", "Lesen Sie diese Nachricht bitte
zweimal!" oder "Beinahe hätte ich mir diese Gelegenheit
durch die Lappen gehen lassen..." und dann Angebote
beinhalten, die beim Wort genommen eigentlich gar nicht
ausgeschlagen werden können: "Finanzielle Unabhängigkeit auf
immer und ewig", "50.000 Dollar in den nächsten 90 Tagen",
"Sofortige Entschuldung" bis hin zur "Umkehrung des
Alterungsprozess". Oft handelt Spam auch von zwielichtigen
Offerten wie der Zugang zu bislang geheimgehaltener
Software, die Ausstellung von Reisepässen oder Decoder, die
angeblich Pay-TV-Programme entschlüsseln. Ganz zu schweigen
von kaum glaublichen Zeugnissen virtueller Großzügigkeit:
Hochwertige Handtelefone kostenlos, Gratis-Pornos,
Firmenanteile umsonst, Bargeld auf die Hand...
Dass nun ausgerechnet Frühstücksfleisch als Metapher für
solche Kommunikation herhalten muss, soll der Legende nach
auf einen Klassiker der englischen Komikertruppe Monthy Python zurückgehen.
Der Sketch
spielt in einem Restaurant, das ausschließlich Speisen mit
Frühstücksfleisch anbietet. Der akute Widerwille eines
Gastes wird von einem Wikinger-Chor erstickt, der immer
lauter den Gesang von "Spam, lovely spam, wonderful spam"
anstimmt. Ähnlich muss es den meisten Nutzern der Newsgroups
im Usenet Anfang der 90-er Jahre ergangenen sein, als sie
Opfer der ersten Spam-Attacken wurden. Berüchtigt waren
seinerzeit der ominöse Serdar
Argic sowie Canter
& Siegel, eine Rechtsanwaltskanzlei aus Phoenix, die in
Hunderten von Diskussionsforen ihre Dienste dermassen
dumm-dreist anboten, dass daraufhin eine eigene Newsgroup
gegründet wurde: "alt.current-events.net-abuse".
Dort wurde dann eingehend diskutiert, wie dem Missbrauch des
Netzes Einhalt geboten werden könne. Es waren aber weder
blanker Idealismus noch der Traum von einem
nicht-kommerziellen Internet, der die
Selbstverteidigungskurse gegen Spamming motivierte, sondern
ein ausgeprägter Gemeinsinn angesichts der damals noch
äußerst knappen Ressourcen und ausgesprochen kostbaren
Netzzugängen.
Im Gegensatz zu Telefonmarketing oder Werbefaxen zahlt beim
Usenet- oder Email-Spamming schließlich der Empfänger die
Rechnung für die unverlangt eingegangene Nachricht. Den
Spammern kostet der Massenversand nur ein paar Mark Traffick
plus einmalig rund zweihundert Mark für Zigmillionen
Email-Adressen. Diese werden mit besonderen Programmen von
Webseiten, aus Mailinglist-Archiven und Newsgroups
abgefischt, um dann von windigen Adresshändlern in eigenen
Spam-Angriffen verscherbelt zu werden. Verschiedene Seiten
wie "Spam.abuse.net"
haben sich inzwischen ganz und gar dem erbitterten Kampf
gegen Spam verschrieben. Sie führen schwarze Listen mit
Mailservern, von denen aus Spam versandt wird, und bieten
Anti-Spam-Filter an, die einem wenigstens garantieren,
denselben Werbebrief nicht zweimal zu bekommen. Machtlos
sind diese Instrumente gegenüber einer besonders perfiden
Abart des Spammings. Wie eine elektronische Plage breiten
sich
Kettenbriefe im Netz aus, bei denen die Empfänger aus
ebenso durchsichtigen wie undurchsichtigen Gründen
angehalten werden, die e-mail an möglichst viele Adressaten
weiterzuleiten. Appelliert wird dabei nicht nur an die
Habgier, sondern immer öfter auch an die Gutmütigkeit:
Krebskranken Kindern einen letzten Wunsch erfüllen,
afghanische Frauen vom Schleierzwang erlösen, Nazis aus
Newsgroups verbannen sind die Vorwände für fadenscheinige
und völlig überflüssige Rundsendungen, die jahrelang
kursieren und letztlich auch seriöse, weil ordentlich
datierte und mit gültigen Absender- und Webadressen
versehene Kampagnen in Misskredit bringen.
Wesentlich einfacher ist es, Spam zu goutieren oder zu
verklären. Schließlich können die unerwünschten
Werbebotschaften durchaus als das Hereinbrechen des Realen
in die heimische Mailbox verstanden werden: Die symbolische
Ordnung des elektronischen Postfachs gerät in Gefahr; denn
Spam ist ein Gift, das die Atmosphäre kleinkarierter
Kommunikation zersetzt, welche vorgibt, nichts als
zielgerichtet und nützlich zu sein. Und das allerschlimmste:
Man kann vermeintlich nichts dagegen tun und ist den
Werbesendungen, Kettenbriefen und Pyramidenspielen als
unbedarfter Endnutzer wehrlos ausgeliefert. Diese
Hilflosigkeit führt zu aufschlussreichen Formen von
Eskapismus: Wie virtuelle Kaffeefahrten scheint von Spam
eine eigenartige Faszination ausgehen, die manche Menschen
solche Nachrichten, wenn sie sie schon nicht glauben und
wenn es schon keinen Sinn hat, dagegen anzukämpfen, dann
zumindest akribisch registrieren, archivieren und
aufbereiten läßt. Passionierte Spam-Sammler protzen gerne
mit persönlichen Statistiken ("38 Megabyte in mehr als 5200
einzelnen Nachrichten. Das ist eine Menge Spam für etwas
mehr als drei Jahre") oder bieten gleich die komplette
Privat-Kollektion zum Herunterladen an - kostenlos versteht
sich. "Cspam.com" hat
eine große Auswahl ständig wechselnden Spams animiert und
läßt die aufregenden Nachrichten durch das Browserfenster
scrollen, wahlweise sogar mit passender Musikbegleitung.
Seine Aktivitäten mittlerweile eingestellt hat das "Historical Spam Museum and
Archive", das in den Jahren 1996 bis 1999 immerhin 5,6
Megabyte Spam sammelte, um das Material künftigen
Netzarchäologen zur Forschungszwecken zur Verfügung zu
stellen. Am bekanntesten aber ist die "Make Money Fast (MMF) - Hall of
Humiliation", die schon 1997 auf der Ars Electronica mit
einer Goldenen Nika in der Kategorie ".net" ausgezeichnet
wurde. Es handelt sich um eine öffentlich zugängliche
Plattform, die Spam nicht nur in einer Datenbank ablegt,
sondern vor allem eines ermöglicht: Lästige Werbung bis zum
Ursprungsort zurückzuverfolgen.
Wie jede Form Müll kann aber auch der Datenschrott, der beim
Spamming anfällt, wiederverwertet und für äußerst
praktische Zwecke eingesetzt werden. Dies versuchen
zumindest die Betreiber von "Spammimic.com" unter Beweis
zu stellen. In einer Dialogbox auf deren Homepage können
kürzere Nachrichten so ver- und wieder entschlüsselt werden,
dass sie als einschlägiger Spam kodiert völlig belanglos
wirken und wohl kaum die Aufmerksamkeit von Geheimdiensten
und anderen elektronischen Lauschern erregen. Die Idee ist
geradezu ideal für Menschen, denen die ständige Benutzung
von herkömmlichen Kryptografieprogrammen zu aufwendig ist
oder die nicht durch plötzlich kodierte Nachrichten kundtun
wollen, dass nun auf einmal Geheimnisse ausgetauscht werden.
Die sicherlich kurioseste Methode, das Briefgeheimnis zu
wahren, dürfte insofern selbst High-Tech-Abhörsystemen wie
Echolon oder Carnivore überlegen sein. Echter Spam,
schreiben die Gründer von "Spammimic", sei so erschreckend
dumm, dass es kaum möglich ist, den von der Maschine
künstlich erzeugten Unsinn von authentischem Spam zu
unterscheiden. Ein Problem, mit dem sich schließlich auch
die "Hormels Food Corporation" herumschlagen muss. Doch die
Hersteller des Ur-Spam verzichten auf zivilrechtliche
Schritte gegen die geschäftsschädigende Gleichsetzung ihres
Markennamens mit Belästigungen wie Junk-Email und machen
einen Vorschlag zur Güte: Wer echtes Frühstücksfleisch
meint, solle SPAM einfach in Grossbuchstaben schreiben.
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