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:// Basic Hermeneutik / Warum man die Interpretation von Computercodes nicht den Maschinen überlassen sollte/

Es ist ein bisschen ruhig geworden, um die Diskussion über die Literatur und die neuen Medien. Fast scheint es, man habe sich gütlich geeinigt: Die Verlage dürfen weiterhin ihre Bücher verkaufen, nachdem es inzwischen zur Allgemeinbildung gehört, dass man Computer so schlecht mit ins Bett nehmen kann; das Fernsehen liefert den Stoff für neue Geschichten, seit es keine mehr außerhalb der Medien gibt, und im Internet dürfen sich Tagebuchschreiber genauso ausleben wie multimedial begabte Autoren bei Cyberliteratur-Wettbewerben. Es weiß ja sowieso niemand mehr, wem überhaupt was gehört: Bertelsmann AOL, AOL RTL, oder RTL Bertelsmann?

Dabei gab es zu Beginn der Internet-Euphorie für die Literatur mindestens soviel zu verlieren, wie zu gewinnen – zumindest theoretisch. Die neuen Texte schienen wie von selbst für die poststrukturalistischen Thesen zu sprechen, die sich auch in den literaturwissenschaftlichen Seminaren mittlerweile durchgesetzt hatten, alle Utopien sollten plötzlich wahr werden: Dem Buch wurde ebenso das Ende verkündet wie dem Autor, der Idee des Werks oder der Linearität von Texten. Statt dessen fand und produzierte im Hypertext jeder Leser seinen eigenen Text, durchbrach publizistische Hierarchien und landete schließlich, nach der Reise durchs hypertextuelle Rhizom, immer woanders. Nicht nur Derridas Worte „Es gibt nichts außerhalb des Textes“ wurde plötzlich verständlich, sondern auch die romantischen Forderungen waren endlich erreicht: Poesie als progressive Universalpoesie.

Dass sich die poststrukturalistischen Thesen genauso auf alte Literatur beziehen, und ebenso auf alle anderen Texte, geriet im Fieber der Neudefinition von Literatur genauso in Vergessenheit wie die Frage, warum die neuen Textformen überhaupt noch die Bezeichnung Literatur benötigen – oder verdienen. „Auch die Zauberformeln wie Interaktivität, Multidimensionalität, Multimedialität, Instantanität, Immersion, Offenheit oder Nicht-Lineararität, mit denen die neue literarische Form der Hypertexte angepriesen werden, sind keine literarischen, sondern sie deuten qualitative Standards an, derer sich jeder beliebige Content zu bedienen vermag“, schreibt Nils Werber im Internetjournal diss.sense. Wenn das Internet die Fragwürdigkeit der Grenzen zwischen Text und Kontext, zwischen Literatur und anderen Künsten oder sogar zwischen Kunst und Nicht-Kunst verdeutlicht, dann hat es, wie Werber erläutert, keinen Sinn, auf dieser Basis der Begriff von Literatur neu zu begründen, geschweige den einen der Internetliteratur.

Vertreter anderer literaturwissenschaftlicher Theorien halten sich in der Regel aus der Debatte heraus, fast so, als wollten Sie die Rückständigkeit ihrer Disziplin beweisen. Kaum jemand kam daher bisher auf die Idee, sich die Texte selbst einmal näher anzuschauen, ohne die es das Internet gar nicht geben würde, und so sucht man vergeblich nach lingusitischen Untersuchungen von Computersprachen, oder nach einer Hermeneutik der Codes. Germanisten oder Anglisten mögen sich mit dem Erlernen der fremden Sprache schwer tun; doch womöglich ist die Beschäftigung mit C++ oder PASCAL ebenso faszinierend wie jene mit Mittelhochdeutsch. Immerhin wären es die Literaturwissenschaftler gewöhnt, sich Texten zu widmen, die für Uneingeweihte nicht lesbar sind. In seinen "Karlsruher Thesen“ zur Netzliteratur schreibt der Berliner Komparatist Florian Cramer: „Es gibt gute Gründe, den selbstmodifizierenden Code eines ingeniös konstruierten Computerviruses für interessantere Literatur zu halten, als zum Beispiel die Dichtungen, die sich im Electronic Poetry Center der State University of New York at Buffalo versammelt finden.“

Die Interpretation von Computercodes den Maschinen zu überlassen hat den Vorteil, dass die automatischen Interpreter keine Fehler machen. Leider sind die Ergebnisse daher auch immer dieselben. Eine Analyse der Programmsyntax durch den Menschen dagegen könnte eine Reihe von beinhalteten Strukturen aufdecken, die der Computer nicht versteht. Jeder Computercode nämlich offenbart eine eigene Stilistik, unterscheidet sich in Eleganz und Perfektion, in Komplexität und Komposition. Regelästhetische Kriterien für die literarische Qualität eines Codes ließen sich sowohl aus dem Repertoire der Poetik übertragen als auch neu formulieren. Debatten über „guten Stil“ sind unter Programmierern schon weit verbreitet, und lesen sich ohnehin teilweise wie Tipps aus Creative-Writing-Seminaren: Tom Christiansens Seite „Perl Style“ beispielsweise enthält Kapitel wie „Die Kunst, Code zu kommentieren“, „Über das Benennen von Namen“, „Die Reduzierung von Komplexität“ und den philosophisch anmutenden Abschnitt: „Definiere nie WAHR und FALSCH“.

Überhaupt scheint die Programmiersprache PERL (Practical Extraction and Report Language) die größten literarischen Eigenschaften aufzuweisen: Als eine der flexibelsten Computersprachen verzeiht sie ihren produktiven Missbrauch in relativ hohem Maß. Immer beliebter wird daher das Schreiben von so genannter Perl Poetry. Als Pionierin dieser Kunst gilt die Amerikanerin Sharon Hopkins, die schon seit 1992 Perl-Gedichte verfasst: Inzwischen veranstaltet das „Perl Journal“ regelmäßige Poesiewettbewerbe. Die Teilnehmer können dabei sowohl traditionelle Gedichte in die Computersprache „übersetzen“ als auch Programme schreiben, die Gedichte erzeugen sowie Haikus oder Limericks über PERL schreiben. Die interessanteste, weil gewissermaßen autonomste Variante dieser Computerpoesie ist allerdings das Erstellen von Perl-Gedichten, die sowohl textlich poetische Qualitäten aufweisen als auch als Programme funktionieren. Texte dieser Art könnte man nach der formalistischen Definition von Roman Jakobson ohne weiteres eine poetische Funktion zusprechen, die sich freilich von der Ebene der Message auf die des Codes selbst verlagert, dessen Bestandteile nach ästhetischen Gesichtspunkten kombiniert werden. Das technische Funktionieren gerät in den Hintergrund; es beweist lediglich so etwas wie die grammatikalische Korrektheit des Textes.

Auch im Internet stehen die wahren Texte hinter der bunten Oberfläche. Einer Wissenschaft, die seit Jahrhunderten versucht, den tieferen Sinn von Texten durch deren hermeneutische Analyse herauszufinden, dürfte eine Untersuchung der Codes hinter den Programmen nicht so fremd sein. Bei der Suche nach letzten Wahrheiten in den Texten, nach Anfängen und Ursprüngen hinter der medialen Wirklichkeit müsste sie geradezu versessen darauf sein, den so genannten Quelltext zu lesen, die originale und unverfälschte Version jener Dateien, die der Browser in eine allgemeinverständliche Fassung übersetzt. Denn wie jede andere Sprache ist auch in jeder Computersprache eine bestimmte Art zu denken angelegt, weshalb auch deren Worte nicht in andere Sprachen übersetzt werden können, ohne ihre Bedeutung zu verändern. Texte, die in normalen Browsern dargestellt werden, sind eben dieses: eine von verschiedenen möglichen Darstellungen, eine Aufführung eines Scripts, die wie im Theater nichts über die Qualität des Stückes aussagt. Vielleicht leidet die Kreativität einer neuen „Textkunst“, wie Werber das nennt, darunter, dass es nur zwei große Bühnen gibt. Es würde sich daher nicht nur lohnen, Texte, die für den Netscape Communicator oder den Microsoft Explorer geschrieben worden sind, in anderen Browsern anzuschauen, sondern auch, mehr Werke für andere Browser zu schreiben.

Die Poesie könnte, statt die Invasion von technizistischen Begriffen in die Alltagssprache zu beklagen, ihre Rache beginnen, und jene Sprachen lernen, in denen sich Computer unterhalten. Erst dann könnte man Friedrich Schlegel etwa derart umformulieren: „Die Poesie des Internets ist eine progressive Universalpoesie. (...) Sie umfaßt alles, was nur poetisch ist, vom größten wieder mehrere Systeme in sich enthaltenden Systeme der Kunst bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den die dichtende Maschine aushaucht in kunstlosem Gesang.“

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