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:// Basic Hermeneutik / Warum man die Interpretation von Computercodes nicht den Maschinen überlassen sollte/
Es ist ein bisschen ruhig geworden, um die Diskussion über die Literatur
und die neuen Medien. Fast scheint es, man habe sich gütlich geeinigt:
Die Verlage dürfen weiterhin ihre Bücher verkaufen, nachdem es
inzwischen zur Allgemeinbildung gehört, dass man Computer so schlecht
mit ins Bett nehmen kann; das Fernsehen liefert den Stoff für neue
Geschichten, seit es keine mehr außerhalb der Medien gibt, und im
Internet dürfen sich Tagebuchschreiber genauso ausleben wie multimedial
begabte Autoren bei
Cyberliteratur-Wettbewerben. Es weiß ja sowieso niemand mehr, wem
überhaupt was gehört: Bertelsmann AOL,
AOL RTL, oder RTL Bertelsmann?
Dabei gab es zu Beginn der Internet-Euphorie für die Literatur
mindestens soviel zu verlieren, wie zu gewinnen – zumindest theoretisch.
Die neuen Texte schienen wie von selbst für die poststrukturalistischen
Thesen zu sprechen, die sich auch in den literaturwissenschaftlichen
Seminaren mittlerweile durchgesetzt hatten, alle
Utopien sollten
plötzlich wahr werden: Dem
Buch wurde ebenso das
Ende verkündet wie dem
Dass sich die poststrukturalistischen Thesen genauso auf alte Literatur
beziehen, und ebenso auf alle anderen Texte, geriet im Fieber der
Neudefinition von Literatur genauso in Vergessenheit wie die Frage,
warum die neuen Textformen überhaupt noch die Bezeichnung Literatur
benötigen – oder verdienen. „Auch die Zauberformeln wie Interaktivität,
Multidimensionalität, Multimedialität, Instantanität, Immersion,
Offenheit oder Nicht-Lineararität, mit denen die neue literarische Form
der Hypertexte angepriesen werden, sind keine literarischen, sondern sie
deuten qualitative Standards an, derer sich jeder beliebige Content zu
bedienen vermag“, schreibt Nils Werber im Internetjournal
diss.sense.
Wenn das Internet die Fragwürdigkeit der Grenzen zwischen Text und
Kontext, zwischen Literatur und anderen Künsten oder sogar zwischen
Kunst und Nicht-Kunst verdeutlicht, dann hat es, wie Werber erläutert,
keinen Sinn, auf dieser Basis der Begriff von Literatur neu zu
begründen, geschweige den einen der Internetliteratur.
Vertreter anderer literaturwissenschaftlicher Theorien halten sich in
der Regel aus der Debatte heraus, fast so, als wollten Sie die
Rückständigkeit ihrer Disziplin beweisen. Kaum jemand kam daher bisher
auf die Idee, sich die Texte selbst einmal näher anzuschauen, ohne die
es das Internet gar nicht geben würde, und so sucht man vergeblich nach
lingusitischen Untersuchungen von Computersprachen, oder nach einer
Hermeneutik der Codes. Germanisten oder Anglisten mögen sich mit dem
Erlernen der fremden Sprache schwer tun; doch womöglich ist die
Beschäftigung mit C++ oder PASCAL ebenso faszinierend wie jene mit
Mittelhochdeutsch. Immerhin wären es die Literaturwissenschaftler
gewöhnt, sich Texten zu widmen, die für Uneingeweihte nicht lesbar sind.
In seinen
"Karlsruher Thesen“ zur Netzliteratur schreibt der Berliner Komparatist
Florian Cramer: „Es gibt gute Gründe, den selbstmodifizierenden Code eines ingeniös konstruierten
Computerviruses für interessantere Literatur zu halten, als zum Beispiel
die Dichtungen, die sich im Electronic Poetry
Center der State University of New York at Buffalo versammelt finden.“
Die Interpretation von Computercodes den Maschinen zu überlassen hat den
Vorteil, dass die automatischen Interpreter keine Fehler machen. Leider
sind die Ergebnisse daher auch immer dieselben. Eine Analyse der
Programmsyntax durch den Menschen dagegen könnte eine Reihe von
beinhalteten Strukturen aufdecken, die der Computer nicht versteht.
Jeder Computercode nämlich offenbart eine eigene Stilistik,
unterscheidet sich in Eleganz und Perfektion, in Komplexität und
Komposition. Regelästhetische Kriterien für die literarische Qualität
eines Codes ließen sich sowohl aus dem Repertoire der Poetik übertragen
als auch neu formulieren. Debatten über „guten Stil“ sind unter
Programmierern schon weit verbreitet, und lesen sich ohnehin teilweise
wie Tipps aus Creative-Writing-Seminaren: Tom Christiansens Seite
„Perl Style“ beispielsweise enthält Kapitel wie „Die Kunst, Code zu
kommentieren“, „Über das Benennen von Namen“, „Die Reduzierung von
Komplexität“ und den philosophisch anmutenden Abschnitt: „Definiere nie
WAHR und FALSCH“.
Überhaupt scheint die Programmiersprache PERL
(Practical Extraction and Report Language) die größten literarischen
Eigenschaften aufzuweisen: Als eine der flexibelsten Computersprachen
verzeiht sie ihren produktiven Missbrauch in relativ hohem Maß. Immer
beliebter wird daher das Schreiben von so genannter Perl Poetry. Als
Pionierin dieser Kunst gilt die Amerikanerin Sharon Hopkins, die schon seit 1992 Perl-Gedichte verfasst: Inzwischen veranstaltet das „Perl Journal“ regelmäßige Poesiewettbewerbe. Die Teilnehmer können dabei sowohl traditionelle Gedichte in die Computersprache „übersetzen“ als auch Programme schreiben, die Gedichte erzeugen sowie Haikus oder Limericks über PERL schreiben. Die
interessanteste, weil gewissermaßen autonomste Variante dieser
Computerpoesie ist allerdings das Erstellen von Perl-Gedichten, die
sowohl textlich poetische Qualitäten aufweisen als auch als Programme
funktionieren. Texte dieser Art könnte man nach der formalistischen Definition von
Roman Jakobson ohne weiteres eine poetische Funktion zusprechen, die sich freilich von der Ebene der
Message auf die des Codes selbst verlagert, dessen Bestandteile nach
ästhetischen Gesichtspunkten kombiniert werden. Das technische
Funktionieren gerät in den Hintergrund; es beweist lediglich so etwas
wie die grammatikalische Korrektheit des Textes.
Auch im Internet stehen die wahren Texte hinter der bunten Oberfläche.
Einer Wissenschaft, die seit Jahrhunderten versucht, den tieferen Sinn
von Texten durch deren
hermeneutische Analyse herauszufinden, dürfte eine Untersuchung der
Codes hinter den Programmen nicht so fremd sein. Bei der Suche nach
letzten Wahrheiten in den Texten, nach Anfängen und Ursprüngen hinter
der medialen Wirklichkeit müsste sie geradezu versessen darauf sein, den
so genannten Quelltext zu lesen, die originale und unverfälschte Version
jener Dateien, die der Browser in eine allgemeinverständliche Fassung
übersetzt. Denn wie jede andere Sprache ist auch in jeder
Computersprache eine bestimmte Art zu denken angelegt, weshalb auch
deren Worte nicht in andere Sprachen übersetzt werden können, ohne ihre
Bedeutung zu verändern. Texte, die in normalen Browsern dargestellt
werden, sind eben dieses: eine von verschiedenen möglichen
Darstellungen, eine Aufführung eines Scripts, die wie im Theater nichts
über die Qualität des Stückes aussagt. Vielleicht leidet die Kreativität
einer neuen „Textkunst“, wie Werber das nennt, darunter, dass es nur
zwei große Bühnen gibt. Es würde sich daher nicht nur lohnen, Texte, die
für den Netscape Communicator oder den Microsoft Explorer
geschrieben worden sind, in
anderen Browsern anzuschauen, sondern auch, mehr Werke für andere
Browser zu schreiben.
Die Poesie könnte, statt die Invasion von technizistischen Begriffen in
die Alltagssprache zu beklagen, ihre Rache beginnen, und jene Sprachen
lernen, in denen sich Computer unterhalten. Erst dann könnte man
Friedrich Schlegel etwa derart umformulieren: „Die Poesie des Internets
ist eine progressive Universalpoesie. (...) Sie umfaßt alles, was nur
poetisch ist, vom größten wieder mehrere Systeme in sich enthaltenden
Systeme der Kunst bis zu dem Seufzer, dem Kuß, den die dichtende
Maschine aushaucht in kunstlosem Gesang.“
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