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:// Virtualienmarkt / Sind nach den Dotcoms nun die Dotorgs im Kommen?/

Das Besondere am Virtuellen besteht darin, dass es nicht wirklich das ist, wofür es durchaus tauglich sein mag und gehalten werden kann. Aus diesem kleinen, aber feinen Unterschied ergeben sich mindestens zwei Formen, kurzfristig Vergnügen zu beziehen: Zunächst der Spaß an dem, was wie echt wirkt, wobei immer zu hoffen bleibt, dass es ganz so arg, wie es vielleicht den Anschein hat, ja nicht kommen muss. Nach über fünf Jahren Internet wird dieser vordergründige und unmittelbare Reiz des Virtuellen jedoch zusehends überlagert von einer zweiten Generation weitaus komplexeren Amusements: Schadenfreude oder gar Häme darüber, dass aus dem, was einst für bare Münze genommen wurde, nun doch nichts zu werden scheint - zumindest nicht das, was landläufig erwartet wurde.

"Dot-Com-Bashing" heisst ein Sport, der gerade die wohl am stärksten wachsenden Zugriffszahlen verzeichnen kann. Bis vor kurzem noch war es einem kleinen Kreis von Zynikern auf Seiten wie "Fuckedcompany.com" vorbehalten, täglich wechselnde Gerüchte aufzulisten, welche Jungfirma es wohl als nächstes erwischen könnte. Je einleuchtender der Business-Plan, je hochtrabender die Erwartungen, je blendender der Ruf, desto größer scheint inzwischen der Genuss, dabei zuzusehen, wie die Aktien in den Keller fallen, halbe oder ganze Belegschaften gefeuert werden und Insolvenzverfahren eingeleitet werden. "Fuckedcompany.com" (FC) hat für dieses Spiel seine eigenen Regeln aufgestellt und die vielen verschiedenen Arten, ein Unternehmen in den Ruin zu treiben, mit Härtegraden von 1 bis 100 versehen. Über 55.000 Menschen haben inzwischen den FC-Newsletter abonniert, der zu einer veritablen Gerüchte-Großküche angewachsen ist, aus der selbst Börsenkreise ihre Hinweise beziehen. Wer ganz genau wissen will, welche Firma wie lange schon weder die Büromiete noch den Lohn der Webmaster ausbezahlt, kann sich derlei in der Regel schwer verifizierbare Nachrichten von "Dotcomscoop" in Echtzeit auf das Handtelefon übermitteln lassen. Zwischendurch wissen die süffisanten "Newsbroker" aber auch mit bahnbrechenden Erkenntnissen aus den Untiefen der Mainstream-Medien aufzuwarten: "Geld verdienen ist wieder schwierig geworden."

Solcher Sarkasmus ist derzeit ebenso billig wie die Aktien auf den neuen Märkten, will doch kaum jemand mehr daran glauben, dass die Talfahrt je ein Ende haben und die Kursbewegung sich wieder umkehren könnte. "Das Problem besteht darin, dass der heute verbreitete Pessimismus, genauso wie der Irrsinn der Dot-Com-Seifenblase, einen sich selbst verstärkenden Loop darstellt", schreibt Steve Carlson in seinem New-Economy-Newsletter "nowEurope" und fragt seine Leserschaft: "Wie werden Sie überleben?" "Business 2.0", die selbsternannte "Bibel des E-Business" und "The Economist" glauben sich bereits im Besitz der "Morning after-Strategies for digital survivors" zu befinden. In der Ankündigung für die gleichnamige Konferenz Anfang März in London steht zumindest, wie diese Strategien nicht aussehen: "Einfach ein e vor die bisherigen Geschäftsgewohnheiten zu setzen, reicht nicht mehr aus." Wer weitere Details wissen wollte, musste dann aber knapp 2600 Pfund Teilnahmegebühr hinblättern. Gute Zeiten für Kriegsgewinnler.

Die vielbeschworene Marktbereinigung hält derweil als großangelegtes Verbrennen von Venture-Capital, Kursgewinnen und Gehältern Einzug. Die Zeche für den phänomenalen Rausch der verhinderten Global Player zahlen nicht zuletzt die Mitarbeiter der bankrotten Firmen - und zwar doppelt: Viele von denen, die jetzt auf die Straße gesetzt werden, sind zu einem großen Teil in Unternehmensbeteiligungen ausbezahlt worden, die heute, wenn überhaupt, nur noch Bruchteile wert sind. Mit den Pleitewellen werden aber auch andere Werte vernichtet: Die enorme Energie und Kreativität der Beschäftigten, die in der Dot-Com-Branche mit sagenhaften Versprechen rund um die Uhr mobilisiert wurden, sind mit dem sang- und klanglosen Untergang einer Geschäftsidee vergessen und vergebens. Hier entpuppt sich die Wortbedeutung des Virtuellen im technischen Sinne: Der virtuelle Speicher eines Systems wird vorübergehend genutzt, um beschränkte Rechenkapazitäten zu steigern. Was aber nicht wirklich auf die Festplatte geschrieben wird, ist nach einem Systemabsturz für immer verloren.

"Virtus" heißt lateinisch Tugend, und Spinoza hat es als die "Wesenheit oder Natur des Menschen selbst" definiert, "insofern er die Macht hat, Einiges zu bewirken". Die exzellenten Hypertext-Ausgaben der Werke des gerade wieder groß angesagten Renaissance-Philosophen zeigen auf eindrucksvolle Weise, wozu der menschliche Geist fähig ist, sobald er nicht nur die Fesseln der Zensur, sondern auch des Copyright abgestriffen hat. Wenn kleine Firmen ums Überleben kämpfen und großen Konzernen nichts besseres einfällt, als sich hinter ihren proprietären Standards zu verschanzen, könnte endlich auch der große Durchbruch der "Open Source"-Software gelingen. So genannte freie Software ist dabei nicht zu verwechseln mit Freibier: Sie kann, muss aber nicht verschenkt werden. Entscheidend ist vielmehr, dass der Quellcode allgemein verfügbar ist und von allen, die daran interessiert sind, überprüft, angepasst, verbessert und weiterentwickelt werden kann. Letztlich, wenngleich recht paradox, eine Art Reinheitsgebot also, das im Zeichen global verbreiteter Viren ja auch im nicht-virtuellen Leben neue Bedeutung erlangt.

Auf den Dot-Com-Boom könnte so ein Dot-Org-Boom folgen, der anstatt kurzfristiger Erlöse, Börsengang und Marktpenetration durchaus auch nachhaltige Entwicklungen im Auge hat und nicht zuletzt von den Erfahrungen der kommerziellen Durchdringung des Netzes zehren kann. Die Bundesregierung plant dem Vernehmen nach, sowohl aus Kostengründen als auch aus Sicherheitserwägungen heraus die gesamte Verwaltung Schritt für Schritt auf "Open Source"-Lösungen umzustellen. Keine schlechte Idee für ein Land, das weltweit führend ist, was die Entwicklung von freier Software anlangt, und ausgerechnet im öffentlichen Sektor Jahr für Jahr Unsummen an Lizenzgebühren ausgibt. Paul Jones, Professor aus North Carolina, fand in einer Studie heraus, dass die meisten der geschätzt 250.000 Open-Source-Entwickler aus Deutschland stammen. Anfang des Jahres bereits hatte eine Untersuchung der Deutschen Bank mit dem Titel "Open Source Infrastructure - A Manifesto for the Coming Big Bang" für Aufsehen gesorgt. Der Analyst Phil Rueppel schreibt: "Wir glauben, dass in dem Maße, wie Open Source von seiner Early-Adopter und netz-zentrierten Abnehmerschaft auf den Firmen-Mainstream zugeht, die Käufer, die sich auf dieses Segment konzentrieren, als Sieger hervorgehen werden - sowohl in grundsätzlicher Hinsicht, als auch auf dem Aktienmarkt."

Wie dem auch sein mag, der größte Feind des Virtuellen scheint jene Sorte Erfolg zu sein, die in ihrem vermeintlichen Triumphzug über die Wirklichkeit den angemessenen Respekt für das äußerst großzügige Angebot, das Reale vorübergehend zu ersetzen, vermissen lässt: Von Webservern, die unter der Last der Anfragen zusammenbrechen, über Daten, die plötzlich spurlos verloren gehen, Waren, die vielleicht noch bestellt, aber nie mehr zugestellt werden können, bis hin zu Kursen, die ins Bodenlose stürzen - das Virtuelle übt fürchterliche Rache, als ob es auf einer gewissen Fragilität und Unberechenbarkeit als Grundbedingung seines merkwürdigen Daseins pochen wollte. Wer derlei Widerspenstigkeit nicht zu schätzen weiss, sollte sich besser wieder mit der schnöden Wirklichkeit abplagen.

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