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:// Die Jamaikanisierung des Internets / Warum man im Netz bald nur noch das findet, was andere suchen

Es muss etwas mit der Sehnsucht nach höheren Gewalten zu tun haben, dass einem die Informationsgesellschaft manchmal vorkommt wie eine Naturkatastrophe. Die Flut ist für den Anstieg der Datenmengen die beliebteste Metapher, wenn auch nicht die treffendste: Genauso gut könnte man von einem Wirbelsturm sprechen, der einem die Daten um die Ohren und Augen haut, oder von einem Platzregen, der einem keine Chance lässt, etwas von dem Wissen festzuhalten: Was heute noch übersichtlich vor einem liegt, hat man morgen schon vergessen. Langzeitgedächtnis, was war das?

Es ist also kein Zufall, dass die Menschen über das Chaos des Wissens heute mit derselben Routine jammern, wie sie es über das Wetter tun. Der moderne Jeremia richtet seine Klagen gegen die Technik, als ob sie der Kontrolle der Menschen ebenso entzogen wäre wie das Klima. Was das Internet betrifft, so hat sich der Zorn der User längst auf die Suchmaschinen konzentriert: Yahoo und Altavista sind die Meteorologen von heute.

Dass die Agenten, die das Netz durchforschen, dabei nur Maschinen sind: das freilich hat ihnen eine Zeit lang viel Sympathie eingebracht. Wie kaum eine andere Technologie bürgten sie für die Neuordnung des Wissens, für Unbestechlichkeit und Neutralität. Der Suchmaschine, so scheint es vielen auch heute noch, ist es egal, ob eine Information von der Universität oder aus der Klatschspalte stammt, von Regierungen oder Randgruppen. Ob sie Fakt ist oder Fiktion, muss jeder selbst entscheiden. Je mehr die Menschen das Internet jedoch als ein Werkzeug begriffen, desto lauter wurden die Rufe nach der Nützlichkeit jener Daten, die die ignorante Maschine ausspuckte. Statt Vielfalt der Ergebnisse war nun deren Relevanz gefragt. Die Benutzer riefen nach Qualität statt Quantität, ohne zu erkennen, dass ausnahmsweise einmal die Masse die Klasse ausmachte.

Das Verlangen nach der Ordnung des Wissens: Fast könnte man glauben, dass die Entwickler der Suchmaschinen die Bücher Michel Foucaults als Bauplan lesen. Denn natürlich wirkt jede zusätzliche Programmierung als Filter, nicht nur, indem sie Hierarchien schafft. Was die Philosophie nie ganz geschafft hat, nämlich eine universelle Taxonomie zu entwicklen, gelingt auch ein paar Studienabbrechern nicht: Dass vermeintlich rein deskriptive und sekundäre Online-Katalogisierungssysteme wie der Internet-Index Yahoo mit dem Versuch, das Web in 14 Themenbereiche aufzuteilen, damit kein objektives Bild des Angebots vermitteln, ist noch relativ offensichtlich. Dennoch wird die eigene Konstruktion der digitalen Welt firmenintern gerne ironisch als „Yet Another Hierarchically Ordered Ontology“ bezeichnet.

Doch selbst Google, die Suchmaschine mit dem derzeit wohl größten Nutzwert, die mit rund 500 Millionen erfassten Seiten alle Konkurrenten um Längen schlägt, und damit doch nur einen Bruchteil des Internet-Angebots bewältigt, auch Google also versucht die Ordnung des Webs neu zu definieren. Im Gegensatz zu anderen Diensten werden bei Google diejenigen Websites als Erste präsentiert, auf die am meisten verlinkt wird. Zwar wird damit die Popularität einer Seite nicht direkt reproduziert, wie es etwa Suchmaschinen tun, welche die Ergebnisse nach ihren Hits, also nach den täglichen Zugriffen darauf, anordnen; statt dessen bewertet Google die Größe der vernetzten Fangemeinde.

Lange vor der massenmedialen Austreibung der digitalen Anarchie, durch die teuer beworbene Transferierung des eigenen Publikums von Offline-Medien ins Netz, hätte man also schon in den Suchmaschinen Mechanismen entdecken können, die die Illusion der Dezentralität zumindest in Frage stellen. „Weit entfernt von der unmöglichen Utopie eines zentrumslosen, rhizomatischen Raums haben sich im Internet sehr wohl Zentren wie Suchmaschinen herausgebildet“, schreibt der Essener Kulturwissenschaftler Jens Schröter in einem Text sehr treffend. Schröter bezieht sich damit auf die Analyse des Literaturprofessors Hartmut Winkler, die zwar schon 1997 im Online-Magazin Telepolis erschienen ist, aber immer noch eine der wenigen kulturtheoretischen Auseinandersetzungen mit dem Thema darstellt. Für Winkler schreiben Taxonomien wie die bei Yahoo die Geschichte verborgener Ordnungsmechanismen fort: „Die Konstruktion der Hierarchie erscheint als ein einigermaßen hybrides Projekt, zielt es doch darauf ab, Millionen völlig heterogener Netzbeiträge aus nahezu allen Bereichen der menschlichen Wissensbestände auf ein einheitliches Kategoriensystem zu bringen, ungeachtet ihrer Perspektivität, ihrer Widersprüche und Konkurrenzen. Yahoos „ontology“ tritt damit das schwere Erbe jener tatsächlichen Ontologien an, deren immer erneutes Scheitern in der Philosophiegeschichte nachvollzogen werden kann. Und allein der pragmatische Kontext macht erklärlich, dass das philosophische Problem im neuen Gewand nicht wiedererkannt und in aller Naivität technisch noch einmal reinstalliert worden ist.“

Gerade bei der Benutzung einer Suchmaschine jedoch könnte man die Probleme diskursiver Ordnungssysteme ganz gut erkennen. Denn trotz aller Hierarchiserungen lässt sich aus den Programmen das Chaos nicht restlos austreiben, weil die Grenze zwischen Sinn und Unsinn, wie überall, auch im Netz eine fließende ist. Würden die Suchmaschinen nämlich nur das finden, was man ihnen befiehlt, käme nur Redundanz dabei heraus. Schließlich suchen alle Suchmaschinen, selbst wenn sie mit vorgeschriebenen Listen von Synonymen und semantischen Ähnlichkeiten arbeiten, gar nicht das, was der Benutzer wirklich wissen will, sondern eben das, was er schon weiß: die Begriffe, die er in das Eingabefeld eintippt. Nur durch das Andere aber, oder durch den Kontext, erlangen einzelne Begriffe Bedeutung. In den besten Texten über die Liebe zum Beispiel kommt das Wort Liebe gar nicht vor. Was man wirklich sucht, ist der Text außerhalb der Anführungszeichen: dasselbe, aber anders. Wie aber soll man es finden, wenn es dafür keine Begriffe gibt?

Wer das Internet nur durch die Brille der Suchmaschinen sieht, der jedenfalls wird in Zukunft immer weniger finden. Bei David Sullivans „Searchenginewatch“ kann man sich von der so selten offenbarten Arbeitsweise der Werkzeuge ein ganz gutes Bild machen. Was durch die „Geheimhaltung der Algorithmen“ (Winkler) zum Mythos wird, ist die Vorstellung, dass die Suchmaschinen nur eine sekundäre Ebene des Netzes strukturieren. „Die Suchmaschinen vertreten die Sprache im Netz. Und damit haben sich die Gewichte völlig verschoben. Die engines stehen den Texten gegenüber, nicht als ein zusätzliches Werkzeug, sondern als die ’eigentliche’ Struktur, der die Texte nur zuarbeiten; eine Maschine der Erschließung, gleichzeitig aber ein Kondensat, das die Fläche der Texte als ganze repräsentiert.“

Weil es inzwischen bei jeder neuen Suchmaschine darum geht, den information overload nach der ein oder anderen pragmatischen Vorgabe zu limitieren, wird es in den Ergebnislisten demnächst vermutlich erheblich homogener zugehen. Als kleine Vorschau auf diese Entwicklung ist es ganz aufschlussreich, einem Vorschlag des Netzkünstlers Matthew Fuller zufolge mal einen einfachen Begriff wie „Jamaika“ in eine beliebige Suchmaschine einzugeben (Lycos, Fireball, Abacho, Excite. Man wird eine Weile blättern müssen, um den Ferienressorts zu entkommen. Fraglich, ob sich Deutschland auch so freuen wird, wenn sein vorherrschendes Image im Ausland derart bekräftigt wird.

Wenn man die Architektur des Netzes aber schon nicht ändern kann, weil selbst seine so genannte „Selbstorganisation“ auf demografischen Faktoren beruht, so scheint zumindest die Chance größer, die Codes jener Hierarchien zu überlisten, die Programmierungen zu missbrauchen. Mit dem Projekt „Natural Selection“ versuchte Fuller, gemeinsam mit Harwood von der Künstlergruppe Mongrel, jene Öffnungen des Denkens vor Augen zu führen, die Suchmaschinen theoretisch ermöglichen. Die Erfahrung, das Unerwartete, das Neue und Andere zu finden, wurde dabei zum Programm. Denn selbstverständlich ist die Flut natürlicher als die Auswahl. Und manchmal ist es ein Glück, zu finden, was man nicht gesucht hat.

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