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:// Der postmoderne Marktplatz / Wie die Prozesse der politischen Willensbildung über das Internet funktionieren
Es könnte eine Gunst der Stunde sein: Je stiller es um die New Economy
wird, umso deutlicher sind zur Zeit Debatten zu vernehmen, die um das
Wesen elektronischer Demokratie oder vielleicht besser gesagt:
"Cyber-Democracy" kreisen. Das Motiv ist einleuchtend: Als postmoderner
Marktplatz stellt Internet einen öffentlichen Raum dar, der Prozesse der
politischen Willensbildung geradezu magisch anziehen müsste. Oder
vielleicht sogar automatisch den mündigen Bürger generieren könnte, der
sich aus allen erdenklichen Blickwinkeln zu verschiedenen Sachthemen
informiert, an geeigneter Stelle eigene Überlegungen kundtut und
schließlich politische Entscheidungen maßgeblich beeinflusst.
Wie immer stehen Idealvorstellungen am Anfang jeder Auseinandersetzung
um die virtuelle Seinsweise. Für gewöhnlich werden solche Szenarien aus
einem Kompensationsbedürfnis gespeist, so dass E-Demokratie also erstmal
für alles herhalten muss, was offline nicht so richtig klappt oder in
eine Krise geraten ist: Gläserne Verwaltung, digitale Behördengänge,
elektronische Abstimmungen - so heißen die Schlagworte, die vor allem
vom Bemühen um Effizienz geprägt scheinen. Ähnlich verhielt es sich
seinerzeit bei der ersten Welle des E-Commerce, wo altbekannte
Versandhandelsmodelle ins neue Medium übersetzt wurden. Beiden ist
jedoch das Manko gemeinsam, die Renitenz von gewissen Gewohnheiten
genauso wie Fehleranfälligkeit, Fragilität und neue Formen von Aufwand
zu unterschätzen, gleichzeitig aber die Begeisterungsfähigkeit der
Menschen für einfach nur einen neuen Übertragungsweg entsprechend zu
überschätzen. Was also soll sich ändern, wenn das Formularunwesen
webbasiert grassiert, Parlamentssitzungen live gestreamt, Protokolle
volltext-recherchiert und Abgeordnete per e-mail erreichbar sind?
Natürlich nichts.
Im Gegenteil, sagt Benjamin R. Barber, der als Politikberater für Bill
Clinton und Roman Herzog tätig war. Seiner Ansicht nach krankt die
gegenwärtige Auseinandersetzung daran, dass Behörden und Ämter sich
zusehends als Dienstleister verstünden und Bürger zu blossen Kunden
abstempelten, anstatt dass aus Konsumenten endlich souveräne Teilhaber
der Macht würden. Auf der Berliner Tagung "Gut zu wissen - Links zur Wissensgesellschaft"
konstatierte Barber eine "Trivialisierung der Politik", die mit den
landläufigen Konzepten von E-Government einherginge. Nichts wissen will
der Politikprofessor vom vielbeschworenen "Digital Divide", der
digitalen Kluft, die die Informationsgesellschaft spalte. Stattdessen
macht er digitale Reproduktionen reichlich traditioneller
Ausgrenzungsprozesse und sozialer Ungerechtigkeiten aus, die allein
politisch, und eben nicht technologisch zu begründen beziehungsweise zu
schliessen seien.
Da wirkt es auf alle Fälle aussichtsreicher, sich realistischeren
Herausforderungen zu widmen, wie es die Forschungsgruppe Internetwahlen
seit 1998 tut. Die Wissenschaftler aus Osnabrückarbeiten im Auftrag des Wirtschaftsministeriums an der "Klärung der technischen, juristischen und politischen Voraussetzungen für die
Durchführung von Wahlen im Internet" und haben nun ihre
Zwischenergebnisse vorgestellt. Das ziemlich bescheidenes Fernziel
scheint in dieser Lesart der Cyberdemokratie eine elektronische
Briefwahl, und selbst dies wird allenfalls für eher unbedeutende
Urnengänge wie die Wahl der Sozialparlamente in Erwägung gezogen. Die
von der Forschungsgruppe entwickelte Software "i-vote" ist jedenfalls
einsatzbereit und soll in Verbindung mit Chipkarte und digitaler
Signatur eine sichere Stimmabgabe ermöglichen.
Zu vermuten ist jedoch, dass Methoden wie "Internet Voting" und
"Deliberative Polling" Demokratie eher simulieren, anstatt dass die
Möglichkeiten demokratischer Teilhabe tatsächlich bereichert oder gar
erweitert würden. Entsprechend kleinmütig sind die Hoffnungen, die mit
Internet-Wahlen verbunden sind: Höhere Wahlbeteiligung durch steigenden
Komfort bei der Stimmabgabe. Bezeichnenderweise sind es die
althergebrachten Konzepte aus der analogen Welt, die die Diskussion über
digitale Partizipation nicht nur prägen, sondern auch von vorneherein
limitieren. Mark Poster hatte schon 1995 in seinem Essay "CyberDemocracy: Internet and the Public Sphere" angemahnt,
dass das Potenzial von E-Demokratie weit über das hinausreicht, was den
Bürgern im Rahmen der modernen, nationalstaatlich organisierten,
repräsentativen Demokratie an Teilhabe gestattet ist. Und wahrscheinlich
ist es auch von einer Regierung wirklich zuviel verlangt, sich selbstlos
für die eigene Virtualisierung einzusetzen.
Die Digitalisierung der Demokratie wird wohl kaum ohne harte und
langandauernde Konflikte von statten gehen, wenn es um mehr geht, als
alle paar Seiten mal einen Mausklick machen. Auffäligstes Indiz hierfür
sind "Online-Demonstrationen", die in letzter Zeit richtig in Mode
kommen. Was als virtuelle Sit-Ins von zunächst italienischen
Polit-Aktivisten und US-amerikanischen Künstlern wie Ricardo Dominguez begann, droht sich gerade zu einer
ernstzunehmenden Konkurrenz für Versammlungen unter freiem Himmel zu
entwickeln. Bisheriger Höhepunkt war ein elektronischer Protest, mit
dem Menschenrechtsaktivisten und Abschiebungsgegner anläßlich der
Lufthansa-Hauptversammlung ihren Unmut über die "Deportation.Class" auf
Linienflügen breit machten. Sie taten dies jedoch nicht nur vor und in
der Kongresshalle, sondern auch am Internetportal des renommierten
Luftfahrtskonzerns. Obwohl ordentlich per
e-mail bei den Behörden angezeigt und mit entsprechender Software
unterstützt rief das Vorhaben, für zwei Stunden durch möglichst viele
Datenanfragen den Lufthansa-Server lahmzulegen, noch ein grosses Mass an
Unverständnis in Kreisen hervor, die dem analogem Denken verhaftet sind.
Verfassungschutz, Justizministerium und Lufthansa-Pressesprecher zeigten
sich im Vorfeld wenig begeistert von der Idee, politischen
Willensbekundungen nicht mehr in der wirklichen, sondern in der
virtuellen Welt zu organisieren und sprachen demzufolge von
"Cyber-Terrorismus" und "agressiven Hacker-Attacken".
Hinterher waren sich aber wenigstens sowohl die Demonstranten wie die
Unternehmenssprecher einig. Beide sprachen von einem Erfolg ihrer
jeweiligen Taktik: Die Aktivisten, weil sie ein ungeahntes Maß an
Aufmerksamkeit auf ihr Anliegen ziehen konnten, die Netzwerktechniker
der Lufthansa, weil der befürchtete Absturz des Rechners verhindert
werden konnte. Der Aufwand, den das gekostet haben muss, dürfte sich
rechnen: Der Konzern konnte mehr oder weniger freiwillig eine gewisse
Kompetenz im Umgang mit neuen Herausforderungen demonstrieren.
Als typische "Win-Win-Situation" wurde solche wundersame Eintracht
eigentlich verfeindeter Kontrahenten bis vor kurzem noch in der
Terminologie der Business-Pläne von Start-Up-Unternehmen bezeichnet.
Insofern sie sich dem Oxymoron immaterieller Sabotage verschrieben zu
haben scheinen, verweisen neue Aktionsformen wie die
Online-Demonstration gegen Lufthansa statt auf Versammlungs- und
Meinungsfreiheit dann doch eher auf zwischenzeitlich fast in
Vergessenheit geratene demokratische Prinzipien wie das Streikrecht, das
schließlich einen handfesten Schaden für den Unternehmer bedeutete. Die
Zeiten ändern sich, auch wenn die Technologiewerte nach unten gehen, und
dass Demokratie einen unvollendeten Prozess darstelle, einen "sich
fortwährend erneuernden Entwurf" heißt es schließlich auch in den
Ausgangsüberlegungen der nächsten documenta,
deren Webseiten pünktlich mit der Eröffnung der ersten Plattform in Wien
wieder aktualisiert wurden.
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