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:// Dagegen sein ist alles / Der elektronische Widerstand vor dem G8-Gipfel in Genua
Die Suchmaschine Google liefert zu dem Begriff "Genua" rund 49200 Ergebnisse. Es ist ein eigenartiges Bild, das die Liste der Resultate dabei abgibt: An kaum einem anderem Text kann man derzeit so klar ablesen, wie sich der Ortsname allmählich in einen Slogan verwandelt. Denn zwischen den bunten Seiten über Hafen, Hotels und Dogenpaläste, die wie alle touristischen Attraktionen fast schon traditionell den Kampf um die dominierenden Plätze bei einer Online-Recherche ausmachen, mischen sich plötzlich seltsam abseitige Begriffe wie "Hermes-Reform", "Tobin-Steuer" oder "Globalisierung", was die Stadt natürlich nicht ihrem Ruhm als Geburtsort des Kapitalismus zu verdanken hat, sondern der Tatsache, dass sie momentan dessen medialer Mittelpunkt ist. Es könnte sein, dass in wenigen Wochen, wenn die Suchmaschinen erst alle Seiten über den Gipfel erfasst haben werden, auch die Firma "Genua" von der Spitzenposition vertrieben sein wird. Ihre Sicherheitssoftware mit dem netten Namen GenuaGATE hilft derzeit vermutlich wenig gegen die Demonstrationen. Dass man auch Schillers "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" noch unter den vorderen Plätzen findet, ist wiederum nicht wirklich darauf zurückzuführen, dass die Zuspitzung der Lage vor dem Treffen der acht größten Industrienationen zu einer besonderen Assoziation der Begriffe "Verschwörung" und "Genua" Anlass gäbe - wobei man sich durchaus vorstellen kann, dass der Titel für die Umstürzler von heute seinen Reiz ausübt.
Verschwörungstheorien und berechtigte Medienkritik jedenfalls sind kaum noch auseinanderzuhalten, im Vorfeld des G8-Gipfels in der norditalienischen Stadt. Nicht weniger dankbar als die klassischen Medien stürzen sich die Verfasser von Beiträgen auf diversen Webseiten auf die Geschichten von extra bestellten Leichensäcken, befürchteten Luftangriffen, mit HIV-infiziertem Blut gefüllten Luftballons und die ominöse Briefbombe. Auf den Seiten unabhängiger Medien wie Indymedia.org werden Meinungen zu all diesen Drohszenarien zwar durchaus kontrovers diskutiert; zur so oft gefordeten inhaltlichen Auseinandersetzung mit den politischen Anliegen der Protestbewegung kommt dabei jedoch niemand mehr so richtig.
Wer sich wirklich über die Konzepte und Vorstellungen der WTO-Kritiker informieren will, muss auch im Internet eine Weile suchen. Auf der Seite des gerne als Gegengipfel bezeichneten Genoa Social Forums beispielsweise finden sich zwar Agenda und Programm der Veranstaltung und ein paar kämpferische Worte, jedoch weder Thesenpapiere noch Hintergrundinformationen. Auf der italienischen Seite von Indymedia.org kann man sich neben Videoübertragungen von den Vorbereitungen in Genua immerhin den Vortrag des phillipinischen Weltbank-Kritikers Walden Bello beim Genoa Social Forum ansehen. Vielleicht ist dieser Mangel aber nur Ausdruck eines absolut angemessenen Umgang mit dem Medium: Die Zeichen stehen längst auf Sturm, da geraten die Debatten schon einmal in den Hintergrund. Es geht also, auch auf den Webseiten, nicht so sehr um Argumente, sondern um die effektive Nutzung praktischer Vorteile der neuen Kommunikationstechniken. "Die von der Wirtschaft vorangetriebene Globalisierung ist im Belagerungszustand" verkündet Bello - und dass es soweit kommen konnte, liegt wahrscheinlich in erster Linie an der generalstabmäßigen Planung von Busfahrten und Sonderzügen sowie der Beantwotung von so genannnten frequently asked questions - Bedienungsanleitungen für ein erfolgreiche Demonstration gewissermaßen.
Das Internet und die Gipfelstürmer: Dass Mailinglisten und Infoseiten zum zentralen Instrument für die Organisation und Mobilisierung des Protests der so genannten Globalisierungsgegner geworden sind, mag von denjenigen als Paradox empfunden werden, die die neue APO nur als Zusammenschluß humorloser McDonalds-Verweigerer und lokalpatriotischer französischer Käsebauern sehen. Tatsächlich aber ist der Slogan "Globalize Resistance" nicht nur der Name einer der größeren Protestgrüppchen des Widerstandsnetzwerks, sondern auch ein zentrales Anliegen des modernen Mainstream-Antikapitalismus.
Noch immer wird von vielen Kommentatoren dabei der Gebrauch des Internets als List beschrieben, als halblegale, fast heimtückische Verwendung einer unkontrollierbaren Technik gegen den schwerfälligen Staat, der sich dagegen eben immmer nur als Rechtsstaat und mit enormen Überreaktionen wehren kann. Das wirkt zwar meistens etwas lächerlich, zum Beispiel wenn man die herannahenden Gipfelkritiker rigoros mit meterhohen Absperrgittern bekämpfen will, oder eben auf ein von Außenwelt und Netz abgeschnittenes Schiff flüchtet. Doch immerhin gibt es auch Gerüchte, dass das Mobilfunknetz über der Stadt außer Betrieb gesetzt werden soll, um die anarchistische Kommunikation der Demonstranten per SMS auszuschalten. Vermutlich würde eine Reihe von Kulturpessimisten diese Maßnahme auch gleich als Dauerlösung begrüßen. Die banale Etikettierung als Globalisierungsgegner jedenfalls genügt nicht, um der Protestbewegung den Einsatz globaler Medien zu verbieten. Und doch: Der elektronische Widerstand scheint in diesen Tagen des "Real Life"-Aktivismus ein wenig in den Hintergrund zu geraten. Strategien wie die Online-Demonstration gegen die Lufthansa, die noch vor einem Monat die Möglichkeiten des digitalen Dissenses andeutete, stehen genausowenig auf der Tagesordnung des Genoa Social Forums wie andere Möglichkeiten der politischen Nutzung des Internets. Vermutlich hat es aber weniger etwas mit einem Comeback der Wirklichkeit zu tun, wenn die die Ereignisse auf den Strassen zur Zeit auch die scheinbar trendigeren Online-Aktivitäten überschatten, sondern mit einer Verlagerung der Symbolik: Die Protestmärsche durch Genua sind, zumal als mediales Phänomen, in keiner Weise wirklicher als ein virtueller Sit-In. Sie sind eben nur spektakulärer.
Umso interessanter ist ein Dokument, das kurz vor dem Gipfel im Internet veröffentlicht wurde und ausgerechnet von einer Initiative stammt, die die G8 selbst gestartet hat. "Digital Opportunities for All: Meeting the Challenge" heißt der Abschlussbericht der Digital Opportunity Task Force (DOT Force), in dem die Informationstechnologie im besten Stil früher Netz-Utopisten als Wundermittel gegen Armut, Analphabetismus und Aids gepriesen wird. Der Bericht ist das Ergebnis mehrere Treffen von G8-Regierungsvertretern, Unternehmen, Internationalen und Nichtregierungsorganisationen im Laufe des vergangenen Jahres. Herausgekommen ist ein Text, den man vielleicht nicht unbedingt als linksradikal bezeichnen kann, der aber ohne weiteres als unveröffentlicher Teil des neuen Programms der Grünen durchgehen könnte - und der wahrscheinlich ebensoviel Wirkung hat. Er kommt zu dem Schluß, dass "die Informations- und Kommunikationstechnologie, wenn man sie klug einsetzt, enorme Chancen bietet, um soziale und ökonomische Ungleichheiten zu schmälern und die nachhaltige Schaffung lokalen Wohlstands zu unterstützen." Bemerkenswerter als die Aufzählung von vorgeschlagenen "nationalen eStrategien", die von der Verbesserung des Zugangs zu Computern bis zum Kampf gegen den "digitalen Analphabethismus" reichen, sind die Adressaten dieses Papiers: Die rührenden Appelle der Kommission richten sich sowohl an die Industrienationen als auch an die Entwicklungsländer selbst. Es bleibt abzuwarten, wer den Willen und wer die Mittel dafür aufbringt, die Schulen der dritten Welt vollständig mit PCs auszurüsten.
Verglichen mit den gutgemeinten Vorschlägen der DOT Force sind die Gipfelstürmer knallharte Realpolitiker. Wenn aber schon von den bösen Industrienationen, deren Neue-Mitte-Politiker schon lange alle Ambitionen aufgegeben haben, ihre politische Macht auch einmal gegen die Privatwirtschaft anzuwenden, solche Reden in Auftrag gegeben werden, dann kann man schon verstehen, dass einige Aktivisten entmutigt zu Steinewerfern werden. Es ist ja irgendwie alles gesagt, und welche Rolle spielt es schon, von wem die Strategiepapiere stammen, die dann doch niemand in die Tat umsetzen will.
Vielleicht haben ja die Aktivisten am meisten dadurch erreicht, dass Moment die Herrschaft der Begriffe durcheinander gerät; dass auch diejenigen mit dem Thema konfrontiert werden, die im Internet nur nach einem Hotel für den Sommerurlaub in Italien gesuch haben oder nach einer Fährverbindung nach Korsika. Selbst auf der Seite des Reisedienstes Virtual Tourist findet sich immerhin eine zaghhafte Ermutigung zum Gipfeltourismus: "Wenn Sie Genua wirklich besuchen wollen, meiden Sie den Juli 2001", heißt es dort. "Wenn sie kommen, um gegen die Konferenz und die Globalisierung zu protestieren, werden sie wahrscheinlich willkommen geheißen ... Aber vergessen Sie nicht: Die einzige Art des Protests, die etwas erreichen kann, ist die passive."
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