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M E T A B O L I C S # 5.1 (extra)
Montag, 28. Mai 2001, 20.00 Uhr
Mit: Ricardo Dominguez (New York) und AktivistInnen der "Deportation.Class"-Kampagne
RE: LOAD REALITY

Wenn große Firmen Teile ihres Geschäftbereiches ins Internet verlagern, dann ist es naheliegend, dass Konzernkritiker ihnen mit ihren Aktionen auf dem Fuß folgen. Seit Ende der 90er Jahre schon wird überlegt, wie herkömmliche Protestformen in die virtuelle Welt übertragen werden können. Bislang am bekanntesten sind Online-Demonstrationen, so genannte "virtuelle Sit-Ins", wie sie vom "Electronic Disturbance Theatre (EDT)" seit 1998 systematisch erprobt werden. Ein solches "Sit-In" funktioniert fast wie im richtigen Leben: Je mehr Menschen zu einem vereinbarten Zeitpunkt ein bestimmtes Internetangebot abrufen, umso langsamer werden die Zugriffszeiten. Es geht nicht darum, einen Server - wie bei den anonymen "Denial-of-Service (DoS)"-Attacken - vorsätzlich und mit geringst möglichem Aufwand zum Absturz zu bringen, sondern dessen Funktionstüchtigkeit durch ordnungsgemäße Benutzung zu beeinträchtigen, um einer politischen Willensbekundung Ausdruck zu verleihen.

Anläßlich der Lufthansa-Aktionärsversammlung am 20. Juni 2001 wird nun auch in Deutschland erstmals eine reguläre Online-Demonstration stattfinden. Offiziell angemeldet beim Ordnungsamt der Stadt Köln, angekündigt von "kein mensch ist illegal" und "libertad!" wollen die Aktivisten der "Deportation-Class"-Kampagne ihre eigens entwickelte Protest-Software einsetzen, um die Deutsche Lufthansa AG dazu zu bewegen, der Forderung von Menschenrechtsgruppen, Piloten und Belegschaft zu folgen und keine Abschiebungen mehr auf Linienflügen durchzuführen.

METABOLICS//STOFFWECHSEL#5.1 ist eine Extra-Veranstaltung außerhalb der monatlichen Donnerstagstermine und stellt am Vorabend der ersten großen Online-Demonstration in Deutschland die Beweggründe, Strategien und Taktiken der neuen, digitalen Protestkultur zur Diskussion. Ricardo Dominguez aus New York, einer der Pioniere von eProtest und "Hacktivism", wird am Montag, den 28. Mai 2001 in der Muffathalle München, zusammen mit Aktivisten der "Deportation-Class"-Kampagne das Konzept der Online-Demonstration erörtern. Wenn der Cyberspace demokratisch strukturiert sein und digitale Demokratie nicht auf Polls und Umfragen beschränkt bleiben soll, wird es schließlich auch virtuelle Demonstrationsfreiheit geben. Doch wie alle anderen Grundrechte auch dürfte diese erst nach einem längeren Prozess von Auseinandersetzungen entsprechend festgeschrieben werden.

RICARDO DOMINGUEZ war Mitglied des "Critical Art Ensemble" (CAE) von 1987 bis 1995 und beschäftigte sich frühzeitig mit Konzepten von "elektronischem zivilen Ungehorsam". Ende 1997 gründete er zusammen mit Stefan Wray, Brett Stalbaum, Carmina Karasic das "Electronic Disturbance Theatre" (EDT), das auf der "Ars electronica" 98 zum Thema "Infowar" für Furore sorgte. Am 1. Januar 1999 brachte EDT den "Disturbance Developer Kit" heraus - ein Software-Paket, das virtuelle Protestformen allgemein zugänglich machte. Besondere Bedeutung erlangte Ricardo Dominguez Homepage während des Toywar, dem Domain-Namen-Krieg des mittlerweile pleite gegangenen Spielwarenversands "Etoys.com" gegen die kleine schweizer Künstlergruppe "etoy". Weil von Dominguez Website aus virtuelle Sit-ins vor dem Internet-Portal von "Etoys.com" organisiert wurden, nahm die Internet- Kontrollbehörde ICANN für einige Tage alle Seiten "THING.NET" vom Netz. Dominguez hat drahtlose Breitbandnetze zur Unterstützung der Zapatisten in Chiapas mitentwickelt und ist außerdem einer der Herausgeber der "THE THINGNYC REVIEW" und Mitarbeiter von "Fakeshop".
Links:
  • Interview mit Ricardo Dominguez
  • Homepage von Ricardo Dominguez
  • Critical Art Ensemble
  • Electronic Disturbance Theatre
  • Toywar
  • The Thing
  • Fakeshop
  • DEPORTATION-CLASS ist eine Kampagne, die »kein mensch ist illegal« Ende März 2000 der Öffentlichkeit vorgestellt hat. Ziel ist, auf Fluglinien, die sich für die Beförderung von gewaltsam in das Flugzeug verschleppten Menschen bezahlen lassen, öffentlichen Druck auszuüben, sowie Passagiere und Bordpersonal zum Eingreifen auffordern. Die Kampagne richtet sich zunächst vor allem gegen die Deutsche Lufthansa, weil die deutsche Airline ihre Flugverbindungen in die ganze Welt für Abschiebungen zur Verfügung stellt und sich so zum willfährigen Handlanger der brutalen Abschiebepraxis macht.
    Links:
  • Deportation-Alliance
  • Lufthansa-Kampagne
  • Deportation-Class
  • Online Demo
  • Frankfurter Rundschau über die Online-Demonstration